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Psychologie:Das Aus für den Heimvorteil

Fußballstadion Düsseldorf

Keine Gesänge, kein Gebrüll, kein Applaus: Leere Ränge nehmen sozialen Druck von Spielern und Schiedsrichtern.

(Foto: David Young/dpa)

Eine Studie legt nahe, dass in leeren Fußballstadien der Heimvorteil schwindet, Gäste sogar besser spielen. Auch Schiedsrichter entscheiden neutraler.

Von Sebastian Herrmann

Wie wäre das, wenn der Arbeitsalltag künftig nur mehr vor Publikum stattfände? Die ganze Abteilung fährt zu einem Termin bei einem Zulieferer, es geht um einen irre wichtigen Auftrag, die Präsentation ist penibel vorbereitet, Wohl und Wehe der Firma hängen vom Ergebnis der Verhandlungen ab. Nach beschwerlicher Anreise treffen die Kollegen ein. Im Konferenzsaal warten nicht nur die Mitarbeiter des Zulieferers, sondern auch ein Publikum, das zur Begrüßung Schmähgesänge anstimmt. In Laufe des Meetings brüllen die Zuschauer jeden Vorschlag der Gäste nieder und bejubeln jede Äußerung der Gastgeber. Aus Gründen der Fairness nimmt auch ein Mediator teil, so eine Art Schiedsrichter. Der aber wird niedergebrüllt, sobald er einem der Besucher recht gibt. Man wisse sehr genau, wo sein Auto steht, singen die Zuschauer.

Das Szenario klingt natürlich absurd. Im Fußball hingegen ist es Alltag, und die Auswirkung des Spektakels wird unter dem Begriff "Heimvorteil" zusammengefasst. Die Fans brüllen die Gästemannschaft nieder und auf den Schiedsrichter schimpfen sie sowieso. Mit Erfolg: Viele Daten zeigen, dass die Heimmannschaft einen Vorteil genießt. Im eigenen Stadion sind Siege wahrscheinlicher; auch der Schiedsrichter entscheidet im Durchschnitt etwas häufiger im Sinne der Gastgeber. Nun hat aber die Corona-Pandemie neben dem Alltag auch den Profifußball umgegrätscht, seit vergangenem Frühjahr finden die allermeisten Spiele in leeren Stadien statt. Keine Gesänge, kein Gebrüll, kein Applaus, und das, so berichtet Vincenzo Scoppa im Journal of Economic Psychology, hat den Heimvorteil im Profifußball zerstört.

Als würde die Fußballbundesliga dem Forscher feierlich zustimmen wollen, gewann am vergangenen Spieltag kein einziges gastgebendes Team sein Spiel - vier Unentschieden, fünf Niederlagen. Das kann auch mit Publikum mal vorkommen, in leeren Stadien ist es jedoch wahrscheinlicher, wie Scoppa in seiner Studie zeigt. Dafür wertete der Forscher der Universität von Kalabrien Daten aus den obersten Ligen von Deutschland, Spanien, Italien, England und Portugal aus. Er verglich Statistiken aus den vergangenen zehn Jahren mit Daten aus Spielen, die seit der Corona-Pandemie vor verwaisten Zuschauertribünen ausgetragen wurden.

"Die Evidenz für die Existenz des Heimvorteils ist robust", sagt Scoppa, "aber die Frage nach dem Wirkmechanismus war bislang nur unzureichend geklärt." Schließlich könnten viele Faktoren eine Rolle spielen: Die Gästemannschaft ist von der weiten Anreise ermattet, die Umgebung ungewohnt, auch das kann ein Spiel beeinflussen.

Die Studie legte nun aber nahe, dass vor allem sozialer Druck auf Spieler und Schiedsrichter wirkt - also das Gebrüll, die Unterstützung und die Schmähungen der Fans. "Die Daten zeigen einen klaren Leistungsabfall der Heimteams", schreibt Scoppa. Die Gästemannschaften drehten hingegen leicht auf: mehr Torschüsse, mehr Ecken, mehr Treffer. Und die Schiedsrichter entschieden ohne Fans neutraler und weniger im Sinne der Heimmannschaften, wie das sonst der Fall war. Wenn einem ein paar Zehntausend Leute im Nacken sitzen, einen anstarren, anfeuern oder niederbrüllen, geht das eben an kaum einem Menschen spurlos vorbei - nicht einmal an Profifußballern und Schiedsrichtern.

© SZ
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