Pocken Forscher finden älteste Pockenviren in einer Kindermumie

(Foto: Kiril Cachovski/Litauisches Mumien-Projekt/dpa)

Noch immer ist die Geschichte des Killervirus nicht geklärt. Doch die Entdeckung erlaubt ein paar Spekulationen über den Ursprung der tödlichen Keime.

Von Kai Kupferschmidt

Irgendwann Mitte des 17. Jahrhunderts wurde ein kleiner Junge in einer Gruft in Litauen beerdigt. Es war kalt und trocken und der Leichnam mumifizierte langsam. Draußen tobten Kriege und Rebellionen, einmal brannte die Kirche, Menschen durchstöberten die Gräber auf der Suche nach Kleidung und anderen brauchbaren Gegenständen. Kopf und Oberkörper der Kindermumie gingen verloren.

Die traurige Geschichte hat nun ein Nachspiel: Forscher haben die Mumie untersucht und aus ihr das älteste Pockenerbgut aller Zeiten isoliert (Current Biology). "Eigentlich haben wir nach anderen Erregern gesucht", sagt der Forscher Hendrik Poinar von der McMaster University im kanadischen Hamilton. "Dann haben wir gesehen, dass da ein komplettes Pockenerbgut drinsteckt."

Das jetzt entdeckte Erbgut lässt ein paar Vermutungen zu

Der Fund ist bedeutsam, weil Viren viel vergänglicher sind als Bakterien. Bisher konnte das Erbgut alter Viren nur aus gefrorenen Leichen oder konservierten Proben isoliert werden, sagt Sébastien Calvignac vom Robert Koch-Institut. "Das ist wahrscheinlich das erste alte Viruserbgut, das nicht aus einer solchen Quelle stammt und dessen Echtheit nicht angezweifelt werden wird."

Die Pocken waren eine der schlimmsten Seuchen der Menschheit und wurden 1980 als erste Krankheit ausgerottet. Doch über die Geschichte des Leidens ist wenig bekannt. Manche Forscher behaupten, die Krankheit habe schon vor Tausenden Jahren existiert, andere glauben, sie sei dem Menschen viel später gefährlich geworden. Woher sie kam, ist unklar.

Das jetzt entdeckte Erbgut lässt zumindest ein paar Vermutungen zu. Es bildet die Basis im Stammbaum aller bekannten Pockenviren aus dem 20. Jahrhundert. Eine Erklärung dafür könnte sein, dass das Virus lange Zeit harmlos war und erst irgendwann im 16. Jahrhundert in seine tödliche Form mutierte. Oder das Virus vermehrte sich in Tieren und entwickelte dann irgendwann die Fähigkeit, Menschen zu infizieren. Um herauszufinden welche von diesen und weiteren Hypothesen die richtige ist, werden Forscher mehr Pockenviren aus alten Leichen isolieren müssen, sagt Calvignac. "Diese Arbeit hat bewiesen, dass das möglich ist."

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