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Plagiate in der Wissenschaft:Missbrauch verhindern

Es ist deshalb die ureigene Sache und die Pflicht der jeweiligen Fachwissenschaftlerinnen und Fachwissenschaftler, die Einhaltung dieser Kriterien zu überwachen und zu beurteilen. Dabei ist eine komplexe Reihe von Umständen zu prüfen, die von formaler Korrektheit bis zu der Art und Weise reicht, in der die Quellen angegeben und der Bezug des Gedankens auf den bestehenden Stand der Forschung einsichtig gemacht werden.

Die neuen Möglichkeiten des digitalen Wort- oder Textvergleichs können dafür nützlich und sogar notwendig sein. Sie sind aber nicht ausreichend für die Antwort auf die Frage, ob der betreffende Beitrag die Neuartigkeit des vorgetragenen Gedankens und seinen Bezug auf den jeweiligen Stand der Forschung hinlänglich einsichtig und überprüfbar macht.

Weltweit ist die Wissenschaft damit befasst, Integrität sicherzustellen

Selbstredend muss die Beurteilung durch die Wissenschaft in einer Weise erfolgen, die das Licht der Öffentlichkeit nicht zu scheuen braucht, und zur Verhinderung von Missbrauch (vor dem auch die Wissenschaft nicht gefeit ist) auch rechtlich überprüfbar sein. Dass in der Vergangenheit in Einzelfällen die Prüfung auf Einhaltung der Regeln wissenschaftlicher Integrität seitens der Wissenschaft nicht zureichend erfolgte und sie von außen an ihre Pflichten erinnert werden musste, ist auch aus Sicht der Wissenschaft selbst bedrückend.

Angesichts des Missbrauchs (der nicht zuletzt durch die neuen digitalen Verfahren der Informationsbeschaffung und -verarbeitung ermöglicht wird) ist die Wissenschaft derzeit weltweit intensiv damit befasst, Mechanismen und Strukturen zu etablieren, um die Integrität wissenschaftlichen Verhaltens sicherzustellen, Fehlverhalten frühzeitig zu erfassen, zu bewerten und mit Sanktionen zu belegen.

Diese wichtige Intention wird konterkariert, wenn die Methode digitaler Textvergleichung für etwas eingesetzt wird, was mit einer kriteriengeleiteten Auseinandersetzung mit Plagiatsvorwürfen nichts zu tun hat. Wir beobachten mit Sorge, dass in der letzten Zeit durch nach Belieben gesetzte Standards wissenschaftlichen Arbeitens sowie durch nachträgliche Anwendung erst später entwickelter Kriterien ein Klima des Verdachts und der Bedrohung entsteht, in dem Vertrauen durch scheinbare Transparenz ersetzt wird, junge Menschen bei der Herstellung ihrer Qualifikationsarbeiten in Verwirrung geraten und das Verhältnis der Wissenschaft zur Öffentlichkeit beschädigt wird.

Eine Praxis, die die notwendige sachliche Überprüfung verdächtigter Arbeiten behindert und lediglich behauptete Verfehlungen durch ständige Wiederholung fixiert, ist ein Spektakel, das einer aufgeklärten Gesellschaft nicht würdig ist.

© SZ vom 12.06.2012/beu/mcs
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