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Ökologie:Wie Pestizide die Ausbreitung von Parasiten fördern

Schistosoma mansoni

Zwei Pärchenegel der Art Schistosoma Mansoni nach der Paarung: Das Weibchen bleibt in der Bauchfalte des Männchens.

(Foto: CDC/ Dr. Shirley Maddison)
  • In pestizidbelasteten Gewässern können sich Erreger vermehren, die für Menschen eine Infektionsgefahr darstellen.
  • Ein Beispiel dafür ist das vermehrte Vorkommen von Süßwasserschnecken mit dem Erreger der Bilharziose.
  • Das Level der Pestizidkonzentrationen mit Infektionsgefahr wird in der Europäischen Union als unbedenklich für die Umwelt eingestuft.

Der Einsatz von Pestiziden kann nicht nur die Umwelt schädigen, sondern auch die Ausbreitung von Krankheiten begünstigen. In tropischen Flüssen etwa schaffen Überreste der Chemikalien schon in relativ niedrigen Konzentrationen paradiesische Zustände für gefährliche Parasiten. Das berichtete kürzlich ein Team am Leipziger Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung im Fachblatt Scientific Reports.

Die Ökologen fanden heraus, dass sich in pestizidbelasteten Flüssen Kenias Süßwasserschnecken stark vermehren und mit ihnen auch der Erreger der Bilharziose, der Pärchenegel Schistosoma. Die Wurmerkrankung Bilharziose ist die zweithäufigste Tropenkrankheit nach Malaria. In den Schnecken entwickelt sich der Parasit zu seiner Larvenform, sogenannten Zerkarien, die in großen Mengen ausgeschieden werden und dann frei im Wasser schwimmen.

"Kommt ein Mensch mit kontaminiertem Wasser in Kontakt, durchdringen die Zerkarien die Haut, nisten sich in Darm, Blase oder Leber ein und können dort Entzündungen und schwere Organschäden verursachen", sagt Matthias Liess, der die Studie geleitet hat. Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation WHO trifft die Krankheit jedes Jahr rund 200 Millionen Menschen und endet allein im Hauptverbreitungsgebiet Subsahara-Afrika für mehr als 140 000 tödlich.

Die Süßwasserschnecken vermehren sich stark, sobald Insektenlarven verschwinden

Für ihre Untersuchungen nahmen die Forscher Wasserproben aus 48 Bach- und Flussabschnitten in der Nähe des Victoriasees und untersuchten sie auf 28 gängige Pestizide. Außerdem zählten sie alle wirbellosen Tiere in den Proben, die eine Größe zwischen zwei Millimetern und zwei Zentimetern hatten - darunter Insekten, Schnecken und Würmer. "In unbelasteten Gewässern haben wir nur wenige Schnecken gefunden. Konnten wir aber Pestizide nachweisen, dominierten die Schneckenpopulationen", sagt Liess.

Die Pestizidkonzentrationen lagen dabei in einem Bereich, der in der Europäischen Union als unbedenklich für die Umwelt gilt. Den Schneckenboom erklärt der Forscher mit mangelnder Nahrungskonkurrenz. Er vermutet, dass die Pestizide die normalerweise im Wasser lebenden Insektenlarven stark dezimieren. Da Schnecken und Larven dasselbe fressen, nämlich Algen, haben die Schnecken dadurch mehr Futter und vermehren sich stark. Den Erreger der Bilharziose fanden die Wissenschaftler in zwei Proben. "Das klingt wenig, ist aber relevant, weil die Menschen in den Tropen sehr häufig Kontakt mit dem Wasser haben", sagt Liess.

Bisher wird die Ausbreitung der Bilharziose vor allem mit Hygiene-Kampagnen und dem Anschluss von Haushalten an Kläranlagen bekämpft. Denn der Erreger gelangt über die Exkremente befallener Menschen in Flüsse und Bäche. "Jetzt gibt es eine weitere Stellschraube", sagt Liess. Um die Vermehrung des Parasiten zu bremsen, sollte der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln in Risikogebieten verboten oder zumindest eingeschränkt werden. Eine Möglichkeit wären nach Ansicht des Wissenschaftlers etwa pestizidfreie Randstreifen an den Feldern.

"Bisher geht es beim Thema Pestizide in Gewässern vor allem um Umwelteffekte. Wenn aber 'nur' ein paar Insekten sterben, wird das oft als nicht so schlimm wahrgenommen", sagt Liess. Die Untersuchung habe nun aber deutlich gezeigt, dass die Folgen auch Menschen direkt betreffen können. Und nicht nur jene, die in den Tropen zu Hause sind. Auch Touristen, Austauschschüler und Entwicklungshelfer haben sich schon mit Bilharziose infiziert. Mit ihnen geht der Wurm auf Reisen. Eine Hybridart des Parasiten hat bereits in Europa Fuß gefasst, auf der französischen Insel Korsika.

© SZ vom 23.04.2020
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