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Partnerschaft:Ist häufiger Sex der Kitt einer glücklichen Beziehung?

Wie lange ist man eigentlich frisch verliebt?

(Foto: dpa)

Frisch verliebt, oft im Bett. Doch irgendwann sinkt das Interesse am Sex in der Partnerschaft. Nicht so schlimm, sagen viele Paare. Aber stimmt das? Psychologen haben genau hingesehen.

Von Werner Bartens

Sex wird eindeutig überschätzt. Das wissen langjährige Paare zumeist aus Erfahrung, denn nach der Leidenschaft in den ersten Monaten einer Beziehung verliert der Partner immer mehr an Anziehungskraft. Spätestens nach vier Jahren chronischer Zweisamkeit strebt die Libido dem Tiefpunkt entgegen, und auch Glücks- und Triebhormone wie Dopamin und Oxytozin machen sich rarer - zumindest wenn es um den Langzeitgefährten geht. Vom verflixten siebten Jahr zu sprechen, kommt daher fast einer Beschönigung gleich. Spätestens nach vier, fünf Jahren Mühen des Alltags ist die wilde Erotik des Anfangs verloren. Danach betonen Paare gerne, wie sehr vor allem Vertrauen, Freundschaft und Verlässlichkeit im Mittelpunkt ihrer Partnerschaft stehen.

"Tief in ihrem Inneren sind manche Menschen total unzufrieden mit ihrem Partner"

Dass häufiger Sex "irgendwie" doch dazu beiträgt, die Partnerschaft zu stabilisieren, zeigen Psychologen im Fachmagazin Psychological Science. Irgendwie bedeutet, dass der Sex die Partner stärker aneinander bindet, als sie vielleicht zugeben möchten - vom Bauchgefühl her empfinden sie das jedenfalls eindeutig so, während sie dem Sex in Befragungen keine so wichtige Rolle beimessen.

"Ob sie in ihrer Beziehung glücklich sind oder nicht, darauf hat die Häufigkeit, mit der Paare Sex haben, in direkten Erhebungen keinen Einfluss", sagt Studienleiterin Lindsey Hicks von der Florida State University. "Die Frequenz wirkt sich allerdings schon auf die intuitive Wahrnehmung des Partners aus."

Der Unterschied zwischen expliziter und intuitiver Einschätzung ist wichtig, denn das Bauchgefühl ist entscheidend dafür, ob die Beziehung als befriedigend empfunden wird und eine günstige Prognose hat. Um die geäußerte und die gefühlte Wahrnehmung des Partners voneinander abzugrenzen, wählten die Wissenschaftler diverse Versuchsanordnungen. In einem Ansatz wurden mehr als 200 Frischvermählte gefragt, wie sie ihre Beziehung einschätzten und ob die Sex-Frequenz etwas mit der Qualität ihrer Partnerschaft zu tun habe.

Mehr Sex führte dieser Analyse zufolge nicht dazu, dass die Partner glücklicher waren. Das Bauchgefühl verriet hingegen etwas anderes. Dies erfassten die Forscher, indem sie den Probanden für 300 Millisekunden ein Bild des Partners und dann ein Wort zeigten, das als positiv oder negativ klassifiziert werden sollte. Je schneller die Reaktion, desto enger die Assoziation mit dem Partner. Das hieß umgekehrt auch, dass eine längere Reaktionszeit nach einem negativen Wort wie "unehrlich", dafür spricht, dass sich die Partner schätzen und vertrauen.

Zu viel des Guten macht nicht automatisch zufriedener

Im konkreten Fall brachten die Paare einander häufiger mit positiven Attributen in Verbindung, wenn sie öfter Sex hatten. "Wir müssen genau hinschauen, was wir erfassen, denn die explizite und die gefühlte Bewertung der Beziehung unterscheiden sich oft", sagt Hicks. "Tief in ihrem Inneren sind manche Menschen total unzufrieden mit ihrem Partner, gestehen uns das aber nicht ein - und vielleicht nicht mal sich selbst."

Erst im November hatten Psychologen aus Toronto im Fachblatt Social Psychological and Personality Science gezeigt, dass es auch mit der Verbesserung des Bauchgefühls gegenüber dem Partner seine Grenzen haben kann, und konkrete Anhaltspunkte für die optimale Sex-Frequenz gegeben. "Häufigerer Sex geht zwar mit einem größeren Glücksempfinden einher", sagte Studienleiterin Amy Muise seinerzeit. "Aber dieser Zusammenhang gilt nur bis zu einer Häufigkeit von einmal in der Woche." Zu viel des Guten macht also nicht automatisch zufriedener.

© SZ vom 27.04.2016/fehu
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