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Parasiten:Die Oliven-Seuche

Das traurige Werk von Xylella fastidiosa.

(Foto: Tiziana Fabi/AFP)

Ein exotisches Bakterium zerstört die Olivenhaine Apuliens und damit ein wertvolles Kulturgut. Die Bevölkerung versteigt sich zu wilden Verschwörungstheorien, sogar Forscher werden verdächtigt.

Was sollten diese Bäume schon fürchten? Knorrig, knotig, fest verwurzelt stemmen sie sich aus der süditalienischen Erde empor; ihre Blätter blitzen grünlich-silbern in Sonne und Wind. Das sind nicht einfach nur Bäume. Die oft Hunderte Jahre alten Gewächse verkörpern die Kultur eines ganzen Landstriches, oft auch die Entstehung einer Familie. Kommt ein Kind auf die Welt, wird ein Olivenbaum gepflanzt. So will es die Tradition in Apulien.

Dass diese starken, vermeintlich unverwüstlichen Bäume von einer Mikrobe dahingerafft werden, erschüttert nun diese Tradition ebenso wie die Kulturlandschaft und die Olivenindustrie. Innerlich trocknen sie aus, die Bäume, sterben nach wenigen Jahren. Was wird aus einer Familie, die ihr Schicksal mit so einem Siechling verwoben hat?

Eine "landwirtschaftliche, ökologische, politische und kulturelle Katastrophe"

Angst, Wut und Ohnmacht verbreiten sich in den Olivenhainen am italienischen Stiefelabsatz - im Gefolge eines Bakteriums mit dem nahezu unaussprechlichen Namen Xylella fastidiosa. Gefunden wurde es erstmals vor knapp drei Jahren in apulischen Olivenbäumen. Inzwischen ist die Lage ernst: "Den Bäumen rennt die Zeit davon", sagt der Xylella-Experte Pedro Almeida von der University of California in Berkeley. Im Fachmagazin Science beschrieb er die Infektionen kürzlich als "landwirtschaftliche, ökologische, politische und kulturelle Katastrophe".

Die Bakterien vermehren sich in den Wasserleitungsbahnen der Pflanzen und verstopfen sie. Allerdings zeigen sich Symptome wie braune Zweige und Blätter erst ein Jahr oder noch später nach der Infektion. So bleibt den Mikroben viel Zeit, sich unbemerkt auszubreiten. Als Transportmittel dienen ihnen Insekten, die die Leitungsbahnen der Pflanzen anzapfen. In Italien haben Wissenschaftler die Wiesenschaumzikade als Hauptüberträger identifiziert. Weitere 30 bis 40 Zikadenarten und weitere Insekten kommen ebenso als Überträger infrage.

Wie vielen Olivenbäumen Xylella fastidiosa bereits zum Verhängnis geworden ist, lässt sich schwer sagen. Schätzungen zufolge könnten eine Million der rund zehn Millionen Olivenbäume der apulischen Region Lecce infiziert sein. Vielleicht sind es aber auch viel mehr und bereits weiter im Norden. Weil die Infektionen so lange unsichtbar bleiben, ist es schwer, ihre Wege zu verfolgen.

Die wirtschaftlichen Folgen der Seuche sind sichtbarer: Aus Apulien stammen etwa 40 Prozent allen italienischen Olivenöls. Allein im vergangenen Jahr rechneten die apulischen Olivenbauern mit Verlusten in Millionenhöhe. Hinzu kommt die Sorge, Haine voller kranker Bäume könnten Besucher abschrecken - der Tourismus ist eine weitere wichtige Einnahmequelle der Region. Jenseits aller finanziellen Einbußen fürchten die Menschen auch um ihre Kultur - und wehren sich vehement gegen Auflagen der Europäischen Kommission, die drastische Maßnahmen zur Eindämmung der Seuche vorschreibt. Demnach müssen infizierte Bäume vernichtet werden, ebenso wie andere potenzielle Wirtspflanzen im Umkreis von 100 Metern - also auch gesunde Bäume. Außerdem müssen Bauern die Zikaden mit Insektiziden bekämpfen.

Umgesetzt ist von all dem bislang nur wenig. Die allermeisten kranken Bäume stehen noch. Bauern und Umweltaktivisten wehren sich gegen Rodungen. "Rückblickend hätte man den sozialen Aufruhr vorhersehen müssen", schreibt Almeida in Science über die Proteste der Bauern. "Die Olivenbäume sind ihr Erbe, ein untrennbarer Teil ihrer selbst. Ihre Olivenbäume zu fällen bedeutet, die Verkörperung ihrer Familien und ihrer Geschichte zu zerstören."

Wut und Unverständnis vieler Betroffener äußern sich in zahlreichen Verschwörungstheorien. Eine Nichtregierungsorganisation behauptete, nicht das Bakterium, sondern ein Pilz sei Ursache der Seuche, und dieser ließe sich mit weniger radikalen Maßnahmen als Fällungen bekämpfen. Wissenschaftler bestätigten daraufhin in einer weiteren Studie, dass die Bäume mit X. fastidiosa infiziert sind, wie es schon 2013 festgestellt worden war. Anderen Gerüchten zufolge steckt wahlweise die Windkraft- oder die Gentechnik-Industrie hinter dem Ganzen, die angeblich freie Flächen für ihre Vorhaben schaffen wollten.

Der am schwersten wiegende Vorwurf trifft ausgerechnet jene Wissenschaftler, die das Bakterium bekämpfen wollen, unter anderem vom Istituto agronomico mediterraneo Bari. Die Forscher hatten 2010 in der apulischen Hauptstadt eine Konferenz organisiert, während der sie im Labor mit importierten Mikroben und infiziertem Pflanzenmaterial aus Kalifornien hantierten. Die Wissenschaftler hätten die Bakterien damals bewusst oder unabsichtlich freigesetzt, so der Vorwurf. Im Mai vergangenen Jahres beschlagnahmte die Polizei Dokumente und Computer verschiedener Forschungseinrichtungen, berichtet das Fachmagazin Nature.

Beigelegt ist der Streit noch immer nicht. Dabei können die beschuldigten Wissenschaftler ein recht eindeutiges Argument anführen: Die während der Konferenz verwendete Variante des Bakteriums unterscheidet sich genetisch eindeutig von jener, die in den Olivenhainen zirkuliert. Es ist ein anderer Stamm.

Unumstritten ist hingegen, dass die Bakterien tatsächlich aus Übersee nach Europa gelangt sind. Nur auf ganz anderem Wege, als den Forschern vorgeworfen wird, und wohl auch schon Jahre zuvor. Genetischen Analysen zufolge kam X. fastidiosa mit importierten Kaffeepflanzen aus Costa Rica nach Europa. Die Mikroben beschränken sich nämlich nicht auf Olivenbäume. Sie sind im Gegenteil für ihr äußerst breites Spektrum an Wirtspflanzen bekannt. Laut jüngster Liste der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit Efsa kann sich der Keim in 359 Pflanzenarten vermehren, darunter eben auch Kaffee. Diese Gewächse dürfen nicht mehr aus Costa Rica und Honduras importiert werden, hat die EU im Mai vergangenen Jahres beschlossen.

Nicht nur für die Olivenbauern Apuliens kommt dieses Verbot zu spät. In anderen Teilen der Welt ist die Mikrobe längst keine Unbekannte mehr. Die Unterart des Keims, die betroffene Pflanzenart und der Name der Krankheit variieren, der Schaden aber ist oft immens. So macht eine Variante des Bakteriums unter dem Namen Pierce-Krankheit Weinbauern in Kalifornien schon lange zu schaffen. Auch in Europa begnügt sich X. fastidiosa nicht mit den apulischen Olivenhainen. Aufgeschreckt durch die Funde im Nachbarland, suchten auch Forscher in Frankreich vor zwei Jahren nach den Bakterien - und wurden mühelos fündig: erst in Korsika, später auch auf dem südfranzösischen Festland. Trotzdem ist die Situation dort nicht dramatisch. In Frankreich grassiert ein anderer Stamm, die Infektionen sind noch symptomlos - und die befallenen Pflanzen werden nach EU-Vorgaben vernichtet.

Kann es auch Eichen, Ahorn, Walnuss und Weinreben in Deutschland treffen?

Doch wie geht es weiter mit dem Bakterium in Europa? Kann es auch Pflanzen in Deutschland gefährlich werden? Schließlich gehören auch Eichen, Ahorn und Walnuss zu seinen Wirtspflanzen, ebenso wie viele heimische Obstsorten und Weinreben. Im April wurde die Mikrobe in einer Zimmerpflanze in Sachsen entdeckt. Dieser Fund sei noch harmlos, sagt Gerlinde Nachtigall, Sprecherin des Julius-Kühn-Instituts in Braunschweig. "Prinzipiell ist es aber möglich, dass sich X. fastidiosa auch hier etabliert." "Das Bakterium ist zwar kälteempfindlich, aber es kommt zum Beispiel auch in Kanada um Ontario vor, und dort ist es auch kühl", sagt Nachtigall.

Für Apulien haben die Forscher ihre Hoffnungen zurückgeschraubt, aber immerhin nicht komplett begraben. Die Mikrobe in der Region auszurotten sei inzwischen unrealistisch, glaubt Rodrigo Almeida. Stattdessen suchen Wissenschaftler unter anderem nach Olivensorten, die weniger anfällig sind. Ansonsten gelte es zu akzeptieren, dass es kein perfektes Vorgehen mehr gebe und Kompromisse nötig seien, sagt der Biologe: "Langfristig wird die Forschung wohl eine Lösung finden." In seinem Satz schwingt ein großes "aber" mit: "Die Landschaft in Apulien wird dann vermutlich eine ganz andere sein."