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Ozonschicht im Frühjahr so dünn wie nie:Sonnenmilch bereithalten

Die Ozonschicht über der Arktis ist so stark zurückgegangen wie nie zuvor. In den kommenden Wochen kann die UV-Strahlung in Mitteleuropa deshalb so intensiv werden wie sonst nur im Hochsommer.

Die Zerstörung der Ozonschicht über der Arktis war seit Beginn der Messungen noch nie größer als in diesem Frühjahr.

An image of total ozone column profile around the North Pole

Ozonkonzentration über dem Nordpol am 30. März, gemessen vom Finnischen Meteorologischen Institut. Blau ist eine Region mit ozonarmen Luftschichten. Diese bewegen sich über Grönland und Skandinavien und werden vermutlich auch Mitteleuropa erreichen.

(Foto: Reuters)

Das hat die Weltwetterorganisation (WMO) in Genf mitgeteilt. Als Ursache nennen die Experten extrem niedrige Temperaturen in der Stratosphäre im Winter. Unter diesen Bedingungen verwandeln sich bestimmte Abbauprodukte industrieller Chlorverbindungen (Fluorchlorkohlenwasserstoffe, FCKW) in Substanzen, die Ozonmoleküle zerstören. Seit Mitte März verstärkt das zunehmende Sonnenlicht den Abbau des Ozons.

Den Daten von 30 Ozonsondierungsstationen rund um die Arktis und Subarktis zufolge sei die Schicht von Ende des Winters bis Ende März um etwa 40 Prozent zurückgegangen, heißt es in einer Mitteilung der UN-Organisation. Bislang lag der höchste Wert bei 30 Prozent im Laufe eines Winters.

Eine solch große Zerstörung der Ozonschicht, die die Erde vor ultravioletten Strahlen der Sonne schützt, habe es über der Arktis noch nie gegeben, schreibt die WMO. Man habe aber damit gerechnet, weil ein sehr kalter Winter in der Stratosphäre - der Schicht auf 15 bis 50 Kilometern über der Erdoberfläche - prognostiziert worden war.

Nach Angaben des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung haben sich die ozonarmen Luftschichten in der vergangenen Woche etwa vom Nordpol bis nach Südskandinavien erstreckt. Dies habe dort an sonnigen Tagen zu erhöhter ultravioletter Strahlung geführt. In den kommenden Tagen seien Teile Russlands betroffen, im Süden könnten ozonarme Luftschichten eventuell bis zur chinesisch-russischen Grenze vordringen. In den nächsten Wochen könnten allerdings auch Mitteleuropa und sogar der Mittelmeerraum betroffen sein.

"Wenn die vom Ozonabbau betroffenen Luftmassen südwärts über Mitteleuropa, Südkanada, USA oder das zentrale asiatische Russland driften, kann die dann dort auftretende Intensität der UV-Strahlung bei empfindlichen Menschen innerhalb von Minuten zu einem Sonnenbrand führen - selbst im April", warnt das Institut. "Ob und wann so eine Situation eintritt, kann nur kurzfristig vorhergesagt werden."

Die erhöhte UV-Intensität würde zwar nur jeweils wenige Tage andauern, stellen die Fachleute fest. Dann aber sei ausreichender Sonnenschutz vor allem für Kinder wichtig.

Einen Grund für übermäßige Sorge sieht Atmosphärenphysiker Markus Rex vom Alfred-Wegener-Institut nicht. "Die erwartete UV-Intensität während dieser kurzen Episoden liegt dann immer noch in dem Bereich, dem wir im Hochsommer ohnehin ausgesetzt sind und weit unterhalb der Werte, die bei Urlaubsreisen in die Tropen auftreten."

Das Problem sei vielmehr, dass die meisten Menschen so früh im Jahr noch nicht mit einem schnell auftretenden Sonnenbrand rechnen und daher den Sonnenschutz weniger ernst nehmen als im Hochsommer oder im Urlaub. "Jeder Sonnenbrand erhöht das Risiko, im Verlauf des Lebens an Hautkrebs zu erkranken." Dieser Effekt sei besonders ausgeprägt bei Kindern, warnen die Fachleute.

FCKW sind seit dem Montreal-Protokoll von 1987 weltweit verboten. Der Abbau der als Treibgas und Kühlmittel eingesetzten Chemikalien in der Atmosphäre dauert allerdings Jahrzehnte. Deshalb wird die Ozonschicht noch lange unter den Schadstoffen leiden.

© dpa/mcs/cag

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