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Geologie:In Ostafrika könnte ein neuer Ozean entstehen

Das Afar-Dreieck im Osten Afrikas.

(Foto: Bernhard Edmaier)

Im Osten Afrikas zerren gewaltige tektonische Kräfte an den Erdplatten. Am Ende könnte nicht nur ein Stück Kontinent abbrechen.

Am Horn von Afrika zerbricht die Erdkruste. "Dieser gewaltige Prozess hat eine schauerliche, albtraumhafte Wüstenlandschaft entstehen lassen", schrieb der französische Vulkanologe Haroun Tazieff im Februar 1970 im Magazin Scientific American. "Es scheint sich dort ein neuer Ozean zu entwickeln."

Tazieff berichtet in diesem Artikel über das bis dahin kaum erforschte Afar-Dreieck, eine heiße, trockene Tiefebene im Grenzgebiet von Eritrea, Äthiopien und Dschibuti. Sie ist fast viermal so groß wie die Schweiz, stößt im Westen an die bis zu 4500 Meter hohen äthiopischen Berge und im Süden an das fast ebenso hohe Somali-Hochland. Im Nordosten grenzt sie an die Küste der Meerenge Bab al-Mandab, die das Rote Meer mit dem Golf von Aden verbindet.

Große Teile der Tiefebene liegen hundert Meter und mehr unter Meeresniveau. Es ist eine lebensfeindliche Gegend. Über 50 Grad Celsius heiß kann tagsüber die Luft werden, die über dem dunklen, braunschwarzen Felsboden flimmert. Nur ein paar ausgedörrte Sträucher und Grasbüschel zeugen davon, dass es hin und wieder regnet.

Es gibt auch Seen mit extrem salzigen Wasser. Der türkisblaue Lac Assal im Zentrum des Afar-Dreiecks gehört mit 35 Prozent Salzgehalt zu den salzigsten Gewässern der Erde. Der Volksstamm der Afar, nach dem diese Gegend benannt ist, baut das Salz seit Jahrhunderten an den Seeufern ab und transportiert die schweren Blöcke mit Kamelen, heute auch mit Lastwagen, in die weit entfernten Städte und Siedlungen im Bergland.

Mehr als 200 Krater sitzen auf den Flanken des Marsabit-Vulkans, der sich wie eine grüne Insel 1000 Meter über die Chalbi-Wüste im Norden Kenias erhebt.

(Foto: Bernhard Edmaier)

Dominiert wird das gottverlassene, öde Land des Afar-Dreiecks jedoch von unzähligen Kratern kleiner und großer Vulkane, und von langen Rissen und Spalten, die sich über Hunderte Meter tief in das dunkle Lavagestein einschneiden.

Tazieff hatte Ende der 1960er-Jahre zusammen mit französischen, italienischen und amerikanischen Kollegen drei Expeditionen in dieses Gebiet unternommen, das als eine Schlüsselstelle der damals noch jungen Theorie der Plattentektonik gilt. Denn im Afar-Dreieck laufen drei große Bruchlinien der Erdkruste, auch Grabenbrüche oder Rifts genannt, wie im Zentrum eines Ypsilons zusammen. Der Bruch, der sich längs durch das Rote Meer zieht, kommt von Nordwesten, der Bruch im Golf von Aden von Osten und von Südwesten der berühmte Ostafrikanische Grabenbruch. Die Geologen sprechen von einem Tripelpunkt.

Die 3600 Kilometer lange geologische Struktur ist sogar aus dem Weltraum zu erkennen

Davon gibt es viele auf der Erde. Das Besondere am Tripelpunkt im Afar-Dreieck: Zwei ozeanische Bruchzonen, die über Hunderte Kilometer weit tief unter dem Meer verlaufen, tauchen dort über dem Wasserspiegel auf und vereinigen sich mit einem kontinentalen Rift, eben dem Ostafrikanischen Grabenbruch. Dieser zieht sich 3600 Kilometer weit Richtung Süden bis nach Mosambik. Er ist sogar aus dem Weltall zu erkennen. Wie eine lange runzelige Narbe verläuft die 30 bis 100 Kilometer breite Bruchzone, die geprägt ist von hohen Bergen, tiefen Senken dazwischen und Ketten lang gestreckter Seen, durch die Wüsten und Savannen Ostafrikas.

Tazieff ging schon vor 50 Jahren davon aus, dass sich dieses kontinentale Rift zu einem neuen Meeresarm entwickeln wird, und entfachte damit eine Diskussion, die seit dem Aufkommen der plattentektonischen Theorie unter Geowissenschaftlern geführt wird. Bricht in Ostafrika ein Stück Kontinent ab und entsteht dabei ein neuer Ozean oder nicht?

"Die Frage ist immer noch offen", sagt Sascha Brune vom Geoforschungszentrum GFZ in Potsdam. Der Physiker befasst sich seit vielen Jahren mit der Plattentektonik, also mit der Bewegung der acht großen und mehreren kleinen, über hundert Kilometer dicken Kontinentalplatten, die auf dem heißen Erdinnern driften. Einige kollidieren, dann entstehen Gebirge wie die Alpen oder der Himalaja. Andere schrammen aneinander vorbei wie in Kalifornien an der San-Andreas-Verwerfung. Die Platten können aber auch zerreißen, wobei die Bruchteile dann auseinander driften, so ist es in Ostafrika.

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