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Obama fördert die Hirnforschung:Was, wenn die Hardware im Schädel entwirrt ist?

Doch genau diese Analogie zeigt auch die Fallstricke. Selbst wenn es gelänge, das gesamte Nervengewebe der grauen und weißen Masse im Kopf zu kartieren, ob im Computer oder auf der Laborbank - was wäre gewonnen? Die Historie der Humangenetik weckt Zweifel. Heute, da Genome mit Mikrochips massenweise sequenzierbar sind, zeigt sich: Der Mensch ist nicht sein Genom. Gene bringen sich gegenseitig zum Schweigen, gleiche Gene steuern unterschiedliche Mengen von Proteinen. Und wesentlicher Bestandteil des menschlichen Körpers ist nicht nur der eigene Organismus, sondern sind Milliarden Mitbewohner, die weit mehr als die Verdauung steuern - das Mikrobiom.

Die Analogie zur Entschlüsselung des Gehirns liegt nahe: Der Mensch ist wohl mehr als sein Gehirn. Das Neuronengeflecht ist untrennbar verknüpft mit Sinnesorganen und dem gesamten Nervenkostüm des Körpers. Sogar die Extremitäten haben Einfluss auf die kognitiven Fähigkeiten von Lebewesen, wie Biologen wissen. Und selbst wenn es gelänge, mit dem Supercomputer nicht nur die Hirnmasse nachzubauen, sondern auch all die zum Teil schwer durchschaubaren Verknüpfungen mit dem restlichen Organismus (was beim Human Brain Project zum Teil geplant ist), bliebe noch immer ein krasser Unterschied zum realen menschlichen Gehirn: Die Historie jedes Individuums manifestiert sich bekanntermaßen auch physiologisch.

Was also wird man wissen, wenn die Struktur - oder im Computerjargon gesprochen: die Hardware - des Gehirns entwirrt ist? Wird sich dadurch offenbaren, wie die Logik ins System kommt? Auch wenn man diesseits von spirituellen Vorstellungen über Geist und Seele in einer biologisch-mechanischen Sichtweise verharrt, sind es massive, wahrscheinlich überambitionierte Vorhaben, die in den kommenden Jahren mit Milliarden Euro und Dollar gefördert werden.

Andererseits sind es genau diese Zweifel, die in der Geschichte der Wissenschaft so manchen Fortschritt behindert haben. Es hat schon seinen Reiz, wenn Forschungsfunktionäre und Regierungen einmal nicht mit der Gießkanne hantieren, sondern mit dem Wasserwerfer. Und gemessen an so mancher Investition in vermeintlich wertvolle Wissenschaft - etwa in eine Raumstation, deren Hauptzweck darin besteht, Astronauten mit Schulklassen telefonieren zu lassen - erscheinen die geplanten Mittel für die Hirnforschung wie ein legitimer Schuss ins Dunkel.

Eine andere Stoßrichtung hätte man sich vielleicht wünschen können, zum Beispiel in Richtung Energieforschung: Lässt sich das Klimagas Kohlendioxid womöglich in Treibstoff verwandeln? Das hätte gerade dem erdölsüchtigen Amerika gut angestanden. Andererseits sind Menschen - und eben auch Entscheider - naturgemäß stark an sich selbst interessiert. In dieser Hinsicht dürfte das Gehirn noch manchen Erkenntnisgewinn bereithalten.