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Nach dem Klimagipfel in New York:Dann doch lieber Hollywood?

Nun gab es in New York erneut vollmundige Erklärungen, jetzt das Klima schützen zu wollen - selbst aus den USA und China. Doch darauf zu hoffen, dass die versprochenen Maßnahmen im Rahmen eines neuen Kyoto-Protokolls ausreichen, um die Erderwärmung zu bremsen, ist naiv. Genauso naiv wie das hier anfänglich skizzierte Szenario eines Teams von Spezialisten, das ein Konzept zur Rettung der Welt entwickelt. Oder sogar noch naiver?

Stellen wir es uns doch einfach einmal vor - auch ohne Leonardo DiCaprio und Roland Emmerich.

Wenn man davon ausginge, dass es noch nicht zu spät sei und abseits aller unrealistischen Hollywood-Träume: Es müsste sich tatsächlich möglichst schnell eine kleine Gruppe von weltweit wissenschaftlich anerkannten, völlig unabhängigen Experten finden - vielleicht fünf bis zehn internationalen Spezialisten, denen niemand vorwerfen kann, nationale oder wirtschaftliche Interessen zu verfolgen. Wünschenswert wäre es deshalb, dass sie aus Ländern kämen, die bereits mehr getan haben als nur die Bereitschaft zu signalisieren, ihre Emissionen zu reduzieren.

Diese Fachleute müssten konkrete Konzepte erarbeiten, die sich nur daran orientieren, ob sie sich wirklich praktisch realisieren ließen - wenn die große Mehrheit der Staaten bereit wäre, sich zu beteiligen.

Der wichtigste Faktor, der dabei berücksichtigt werden müsste, wäre, in den Konzepten die bisherige reale oder wahrgenommene Ungerechtigkeit zu vermeiden.

Es gibt Alternativen

So utopisch das klingt - die Experten müssten bei der Entwicklung von Konzepten zumindest nicht bei null beginnen. Zum einen enthält das Kyoto-Protokoll in den sogenannten flexiblen Elementen bereits Grundlagen, die sich ausbauen ließen. Insbesondere der Handel mit Emissionsrechten zwischen Staaten, den die EU innerhalb ihrer Grenzen zum Emissionshandel zwischen Unternehmen umgestrickt hat, ist ein wichtiger Ansatz.

Darüber hinaus existiert eine Reihe von Versuchen, Alternativen zum Kyoto-Protokoll anzubieten, die jedoch nicht die verdiente Aufmerksamkeit erhalten haben. So erging es etwa 2007 einem Vorschlag ausgerechnet der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel. Sie hatte eine Art weltweiten Emissionshandel skizziert: Jeder Erdenbürger hätte demnach das Recht, die gleiche Menge Kohlendioxid auszustoßen.

Anhand der Bevölkerungszahl der einzelnen Länder ließe sich so ein maximaler nationaler Treibhausgasausstoß berechnen. Die Entwicklungsländer, die darunter liegen, bekämen von jenen Ländern, die mehr ausstoßen, als ihnen eigentlich zusteht, Ausgleichszahlungen. Wenn sich die ärmeren Länder weiter entwickeln und die Industrieländer ihre CO₂-Emissionen verringern, träfe man sich schließlich auf demselben Niveau der Emissionen. Auf diese Weise, so Merkel, bestünde die Chance, zwischen den Schwellen- und Entwicklungsländern einerseits und den Industrieländern andererseits einen Konsens herzustellen und hoffentlich bis 2050 die CO₂-Ausstöße auf 50 Prozent zu reduzieren. Dieses Emissionshandelssystem hatte man sich ursprünglich in Indien ausgedacht.

So ganz verabschiedet hat sich die Kanzlerin von dieser Idee offenbar noch immer nicht. So sagte sie im vergangenen Jahr auf dem Petersberger Klimadialog in Berlin: "Wir wissen im Grunde, dass langfristig, wenn wir uns die Weltbevölkerung anschauen, jeder Einwohner dieser Erde etwa zwei Tonnen CO₂ emittieren dürfte. [...] Indien hat diesen Ansatz als einen gerechten Ansatz akzeptiert. Aber man muss ehrlich sein: Weder die Europäer noch die Amerikaner noch China sind sehr begeistert davon. Denn sie alle haben schon über zwei Tonnen CO₂."

Ein anderes Konzept war das "Carbon Pricing" der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung OECD aus dem Jahre 2009. Demnach sollte ein weltweit gültiger Preis - eine Art Steuer auf die Kohlendioxidbelastung der Atmosphäre eingeführt werden.

2008 bis 2010 stellten Wissenschaftler um den Klima-Ökonomen Ottmar Edenhofer vom Potsdam-Institut für Klimafolgeforschung die Ansätze "Global Contract" und "Global Deal" vor. Edenhofer setzte ebenfalls auf die Einrichtung eines globalen Kohlenstoffmarktes und einen Klimazertifikatehandel.

Besonders interessant war 2010 die "Neue Strategie zur Realisierung des 2-Grad-Max-Klimaziels", den die PIK-Wissenschaftler Schellnhuber und Daniel Klingenfeld gemeinsam mit Lutz Wicke von der privaten Wirtschaftshochschule ESCP Europe in Berlin veröffentlichten. Grob zusammengefasst schlugen die Wissenschaftler vor, eine Höchstmenge weltweiter Emissionen zu bestimmen - einen Peak, ab dem der Ausstoß wieder zurückgehen sollte. Allen Menschen sollte das Recht auf gleiche Emissionen zugesprochen werden. Und Kohlendioxid sollte einen weltweit geltenden Preis haben, damit niemand mehr die Atmosphäre als kostenlose Schadstoffdeponie nutzen könne. Auf dieser Grundlage, die etliche frühere Ansätze berücksichtigte, tüftelten die Experten ein bereits sehr detailliertes globales Emissionshandelssystem mit Brennstoff-Zertifikaten aus. Und ausdrücklich versuchten sie, Mechanismen in ihr Konzept zu integrieren, mit denen sich soziale Ungerechtigkeiten ausgleichen lassen sollten.

Die hier kurz angerissenen Vorschläge sind nur eine kleine Auswahl der Ideen, die von unabhängigen Wissenschaftlern, aber auch von Organisationen wie der OECD, der IEA und dem Weltwirtschaftsforum entwickelt wurden.

Befänden wir uns in einem Hollywood-Film, würde die Welt sich vielleicht bereitfinden, Kyoto zu vergessen. Sie würde sich darauf einigen, einer Gruppe von unabhängigen Experten den Auftrag zu geben, neue Konzepte zu entwickeln. Und sie würde auf sie hören.

In der Realität dagegen müssen wir uns wohl darauf einstellen, was UN-Generalsekretär Ban Ki Moon auf dem Klimagipfel in New York vorausgesagt hat: "Die menschlichen, ökonomischen und ökologischen Kosten des Klimawandels werden bald untragbar sein."

Linktipp

  • Das "Global Carbon Project" hat einen "Atlas" ins Netz gestellt, über den sich die Entwicklung der Kohlendioxidemission über die vergangenen Jahrzehnte verfolgen lässt.