bedeckt München 11°

Mythos Mittelalter:Das Mittelalter - die umtriebige Epoche

Doch obwohl sich der angebliche Glaube an die flache Erdscheibe als Propaganda neuzeitlicher Autoren entpuppt, gibt es im Mittelalter Bildung nur für wenige. Nur drei bis fünf Prozent der Bevölkerung hatte Zugang zur Wissenschaft, schätzt Krüger. Auch wenn einige italienische Handelszentren wie Venedig und größere französische Städte wie Paris "Leuchttürme intellektueller Natur" darstellten, muss es auf dem Lande düster ausgesehen haben.

Wärmere Temperaturen führen zwar zu höheren Erträgen in der Landwirtschaft, trotzdem ist das Leben der Bauern beschwerlich, Krankheit und Tod prägen den Alltag. Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt wegen der hohen Kindersterblichkeit bei 30 Jahren, Kriege und Seuchen plagen die Menschen.

Die sieben freien Künste

Bildung spielt sich anfangs überwiegend hinter Klostermauern ab. Das Lesen und Schreiben der lateinischen Schrift und Sprache lernen die jungen Mönche, indem sie immer und immer wieder die römischen Autoren der Klosterbibliothek abschreiben. Anstelle von Familienbesuchen gibt es strenge Regeln und harte Strafen. Die Ausbildung hat ein hehres Ziel: das Auslegen der Heiligen Schrift.

Doch indem die Städte immer wichtiger werden, verändert sich auch das Bildungssystem. Die Domschulen laufen vom 8. Jahrhundert an den Klosterschulen den Rang ab. Dort büffeln auch immer mehr Kinder von Ratsherren und Adligen. Sie lernen Lateinvokabeln und üben sich in den septem artes liberales, den sieben freien Künsten. Zum Fächerkanon gehören Grammatik und Rhetorik, Musik und Logik.

"Kein Jahrhundert war so vernunftgläubig wie das 10. Jahrhundert", versichert Historiker Fried. Dafür verantwortlich war vor allem ein Mann aus der Antike: Aristoteles. "Die Leute lernten mit ihm, in Kategorien zu denken - genauso denken wir auch heute noch", erklärt der Forscher. Erst so habe sich eine geistige und kulturelle Einheit im Denkstil entwickelt - und damit eine Bildungsrevolution im Abendland ausgelöst.

Denn parallel zur modernen Art des Denkens entwickeln sich neue Anlaufstellen für die Bildungselite des Mittelalters: die Universitäten. Aus ganz Westeuropa strömen die Studenten vom 12. Jahrhundert an nach Paris, London oder Bologna, um sich dort ausbilden zu lassen.

Und das, obwohl Studieren damals alles andere als bequem ist: So findet der Unterricht in Italien auf Plätzen und vor Kirchtürmen statt, in Paris in den Kreuzgängen der Kathedrale und auf offener Straße. Erst nach und nach mieten die Universitäten eigene Räume an. Doch auch dort müssen Studenten bis zum Spätmittelalter auf einem strohbedeckten Boden sitzen.

Araber und Edelmann

Trotzdem haben die mittelalterlichen Studenten einen Vorteil: Sie alle beherrschen Latein und haben dieselbe Denkschule durchlaufen. "Man lehrte überall dasselbe", erläutert Fried und beschreibt internationale Karrieren, die noch heute modern wirken: Marsilius von Padua etwa wurde 1312 Rektor an der Pariser Uni, verbrachte seine letzten Jahrzehnte jedoch am Hof Ludwigs IV. in München.

Der deutsche Johannes Teutonicus lehrte im frühen 13. Jahrhundert Kirchenrecht an der Universität von Bologna, und der englische John von Salisbury unterrichtete in Paris, bevor er 1176 zum Bischof von Chartres berufen wurde.

Neben dem Lehrmeister aus der Antike war es vor allem die Begegnung mit der arabischen Welt, die den lateinischen Westen in Richtung Moderne katapultierte. Dass es dabei oft friedlicher zuging, als es die Gräuelgeschichten der Kreuzzüge vermuten lassen, zeigt eine kleine Zeichnung aus dem 13. Jahrhundert: Zwei Männer spielen Schach. Der eine ist mit Turban und Säbel als Araber zu erkennen. Ihm gegenüber sitzt - unbewaffnet und mit lässig überkreuzten Beinen - ein westlicher Edelmann. Das Bild stammt aus dem Schachbuch von Alfons dem Weisen.

Auf der Iberischen Halbinsel entsteht zu Alfons' Zeit eine blühende Wissenschaftslandschaft: "Alles, was man an Wissen kriegen konnte, wurde mitgenommen", sagt Krüger. So stammt die Technik der Wassertoilette von den Arabern, ebenso der Kaffee und das Schachspiel. Die ersten Brillen, Kompasse und Uhren werden um diese Zeit entwickelt. Man beginnt auf Papier zu schreiben.

Besonders wichtig sind aber die fortgeschrittenen Kenntnisse der Araber in Mathematik, Chemie und Medizin. Selbst die Texte der alten Griechen gelangen durch arabische Vermittler zurück nach Europa. Auch wenn die Araber sich häufig über das "Tierhafte" und "Kulturlose" der Europäer beschweren, geben sie ihr Wissen freigiebig weiter.

Geschäfte über Grenzen hinweg

Die europäischen Gelehrten nutzen die neuen Kenntnisse, um das eigene Wissen zu überprüfen. Selbst den Glauben stellen sie mit Hilfe der griechischen Philosophie auf den Prüfstand. Philosophen und Theologen entdecken das dialektische Denken, theoretisieren über Freiheit, Vernunft und Gewissen. Begriffe, die wir heute meist der Aufklärung zuordnen, werden damals geprägt.

"Wir sind voller Wirkungen aus dem Mittelalter", resümiert Mediävist Fried und beschleunigt sein Sprechtempo, um die viele Parallelen zwischen den Zeitaltern in einem Satz unterzubringen: die Art zu denken, das Konstrukt Europas, die Idee der Universität und des ungestillten Forscherdrangs.

Nicht zuletzt das Bankwesen mit dem internationalen Geldtransfer verdanken wir der umtriebigen Epoche. Die Händler aus dem Mittelalter halten sich mit ihren Geschäften eben nicht an Landesgrenzen. Und weil die Italiener damals die Erfolgreichsten waren, haben sie viele Begriffe aus der Finanzwelt geprägt, angefangen beim "Banco", auf dem die Händler damals ihr Geld zählten.

Als wollte sie das unterstreichen, schiebt sich in diesem Moment die Sonne durch die Wolken und fällt auf die Frankfurter Bankriesen. Johannes Fried legt ein kleines Tremolo in seine Stimme und sagt: "Ohne das Mittelalter wären wir nicht die, die wir heute sind."

© SZ vom 04.09.2009/gal/odg
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema