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Mythen in der Wissenschaft:Die große Spinat-Verschwörung

Der moderne Mensch giert nach wissenschaftlichen Mythen. Und er jubelt, wenn die Mythen wieder zerstört werden. Dabei kommen wir uns sehr schlau vor. Zu Unrecht: Der Spinat lehrt, dass wir Laien wie die Schafe von einer Legende zur nächsten irren.

Verrechnen Sie sich bloß nicht!", sagte Barbicane. "Er? Sich verrechnen? Niemals!" rief Frau Scorbitt empört. "Nicht mehr und nicht weniger als der Schöpfer selber, als er die Gesetze der Himmelsmechanik aufstellte!" versetzte der Schriftführer des Gun Club in der ihm eignen Bescheidenheit. Jules Verne, "Der Schuss am Kilimandscharo" (1889)

Bewaffnet mit einer Pfeife und einem losen Mundwerk begann Popeye  von 1929 an die amerikanischen Kinder in einem täglichen Comicstrip zu unterhalten. Seine Kraft verlieh ihm der Spinat, den er büchsenweise in sich hineinstopfte.

(Foto: AP)

Die Sache ist etwas kompliziert, warum also nicht mit einer Geschichte beginnen? Der Spinat ist bekanntlich das Opfer einer falschen Berechnung geworden und mit ihm Generationen von Kindern, Millionen Jugendliche, die mit dem grünen Baatz auf dem Teller aufwachsen mussten, weil er angeblich so viel Eisen enthält, und Eisen doch unverzichtbar ist für Wachstum, Knochenbau, Blutbildung und einen Einser in Latein.

Es stimmt bloß nicht. Spinat enthält so interessante Dinge wie Oxalsäure, Folat, Kupfer, Magnesium, aber nicht mehr Eisen als anderes Gemüse, genau genommen sind es 2,75 Milligramm bei 100 Gramm frischem Spinat und etwa 44,5 Milligramm bei getrocknetem Spinat. Das ist, wie gesagt, beim übrigen Gemüse, bei Brokkoli zum Beispiel, nicht viel anders.

Dennoch hat sich der doch eher ungustiöse Spinat als nährende Beilage durchgesetzt. Es gibt ihn als interessanten Farbkontrast zum Spiegelei oder auch als Zuwaage zum Steak, wo er das gefürchtete Cholesterin ausgleichen soll. Aber warum nur? Ganz einfach: Weil es sich um eine Verschwörung handelt. Unter der Überschrift "Medizinische Mythen" präsentierte das British Medical Journal Ende 2007 eine Reihe erwiesener Irrtümer, an die "Ärzte wie die allgemeine Öffentlichkeit glauben".

Dazu gehörte, dass Haare und Nägel nach dem Tod weiterwüchsen, dass jeder Mensch jeden Tag zwei Liter Flüssigkeit aufnehmen müsse und dergleichen mehr.

Spiegel online übernahm die Geschichte und ergänzte sie um den Spinat, der durch seinen Eisenanteil angeblich so stark macht. Dieser Mythos war da längst entlarvt, und die Enthüllung fand sich bei einer besonders seriösen Quelle, nämlich dem Titel "Der Diätwahn", mit dem der Spiegel zweieinhalb Jahre zuvor erschienen war.

Dieser aufklärerischen Geschichte war beiläufig zu entnehmen, dass der "Schweizer Physiologe Gustav von Bunge Ende des 19. Jahrhunderts 35 Milligramm Eisen in 100 Gramm Spinat ermittelt" habe.

"Als später Nährwerttabellen aufgestellt wurden, übersah man, dass Bunge mit 100 Gramm Spinatpulver gerechnet hatte, das aus einem Kilogramm Frischware gewonnen worden war." Bunge hatte sich also um eine Dezimalstelle verhauen und die wissenschaftliche Grundlage für den großen Spinat-Schwindel gelegt.

In der großen Enthüllung von 2007 ist der Physiologe zwar kein Schweizer mehr (Bunge, der von 1844 bis 1920 lebte, war Baltendeutscher und wurde als Professor Bürger von Basel), aber es findet sich jetzt sogar eine Jahreszahl: 1890 war's, als das viele Eisen in den Spinat und das Unglück in die Welt kam.

Ha, man sieht ihn förmlich vor sich, den wilhelminischen Stubengelehrten, einen richtigen Professor Unrat, von oben bis unten mit Kreide bestäubt, kurzsichtig, aber glühend im Eifer seines Wissens und seiner Leidenschaft. Kein Wunder, dass ihm dabei das Nächstliegende entgeht, nämlich dass die Größenordnung und damit die Grundannahme gar nicht stimmen.

Man braucht jemanden, der auf die Wissenschaft hereinfällt

Die Wissenschaft ist das eine, aber es braucht auch noch jemanden, der auf sie hereinfällt, ihre Irrtümer also auch noch propagiert. Das war, wie jedermann weiß, der Seemann Popeye. Bewaffnet mit einer Pfeife und einem losen Mundwerk begann der tätowierte Geselle von 1929 an die amerikanischen Kinder in einem täglichen Comicstrip zu unterhalten.

Popeye konnte aber nicht nur reden, sondern nahm es mit jedem Gegner auf, am liebsten mit stärkeren. Die Kraft dazu, so die Überlieferung, verlieh ihm der Spinat, den er büchsenweise in sich hineinstopfte. Der Popeye-Strip lief in Hunderten Zeitungen, von 1933 an gab es ihn auch im Vorprogramm der Kinos, und so wurde der Spinat-Absatz durch Popeye angeblich um (exakte Zahlen machen sich immer gut) 33 Prozent gesteigert.

Die Geschichte stimmt hinten und vorne nicht

Der britische Kriminologe Michael Sutton hat jetzt mit - man kann es nicht anders sagen - kriminalistischer Energie das getan, was die fleißigen Verbreiter der Popeye-isst-Eisen-Legende unterlassen haben: Er hat die Quellen überprüft und ist zu einem ganz einfachen Ergebnis gekommen: Die Geschichte stimmt hinten und vorne nicht. In einem Aufsatz für das Journal of Crimonology hat er sowohl die Sache mit dem Eisengehalt wie ihre Entlarvung untersucht und dabei festgestellt, dass durch konsequentes Abschreiben und Weiterdichten längst ein neuer Spinat-Schwindel entstanden ist.

Nebenbei ist ihm der Nachweis gelungen, dass Verschwörungstheorien gar nicht auf das Internet angewiesen sind, sondern sich noch viel besser mit den Mitteln der traditionellen Publizistik verbreiten lassen. Quelle für diese hartnäckigen Irrtümer ist demnach eine medizinische Fachzeitschrift, das bereits erwähnte British Medical Journal. Dort erschien in der Weihnachtsausgabe 1981 eine Geschichte mit dem Titel "Fake!" Sie beschäftigte sich mit wissenschaftlichen Fälschungen, darunter dem berüchtigten Piltdown-Schädel. Damals war die Wissenschaft auf einen Studenten hereingefallen, der einen selber vergrabenen Schädel als prähistorischen Fund ausgab.

Der Autor T J Hamblin, ein Immunologe, der später Professor für Immunhämatologie an der University of Southampton wurde, nahm die Gelegenheit wahr, um Kollegen und den Nachwuchs vor Plagiaten wie vor Fälschungen zu warnen und sie zur Ehrlichkeit zu ermahnen.

Als Beispiel für wissenschaftliche Versehen, aus denen schnell Vergehen entstehen können, führt er den Spinat an, um den sich eine "betrügerische Propaganda" entwickelt habe: "Deutsche Chemiker, die in den dreißiger Jahren den Eisengehalt von Spinat neu untersucht haben, konnten nachweisen, dass die ersten Forscher eine Dezimalstelle versetzt und damit den vermeintlichen Nährwert verzehnfacht hatten."

Namen nannte Hamblin nicht, weder deutsche noch andere, dafür illustrierte, ungewöhnlich damals für eine Fachzeitschrift, der Spinat-Connaisseur Popeye den Beitrag und verlieh ihm damit eine Art falsifizierender Glaubwürdigkeit.

Verblüffende Ergebnisse

Endlich hatte einer den Schwindel aufgedeckt. Allerdings hatte der Mediziner Hamblin, indem er vor Betrug und Fälschung warnte, einen weiteren Schwindel in die Welt gebracht, die auf eine solche Enthüllung nur gewartet hatte.

Die Wissenschaftsgläubigkeit wird erstaunlicherweise nur noch von der Wissenschaftsskepsis übertroffen. Selbst die AOK finanziert die inzwischen so gefragte "zweite Meinung", und die Kasse übersieht gnädig, dass mit einem weiteren Arztbesuch vor allem das Syndrom der mangelnden Aufmerksamkeit behandelt wird.

Drum gilt Hamblin heute als der tapfere Mann, der den Eisen-Mythos entlarvt hat. Sutton folgte den Vorgaben des Forschers, wollte nicht alles glauben und kam zu verblüffenden Ergebnissen. Den Berechnungsfehler begingen Forscher der University of Wisconsin, die den Eisengehalt von Spinat 1934 um ungefähr (und keineswegs um genau) das Zwanzigfache überschätzten.

Da war Popeye aus der Zeitung längst ins Kino aufgestiegen und vollführte seine Kraftakte mit Hilfe des Spinats, den er aber ursprünglich nicht etwa des Eisens wegen, sondern wegen des (bis heute unbestrittenen hohen Anteils an Vitamin A) zu sich nahm. Der Zeichner und Popeye-Erfinder Elzie Segar hatte seine Figur nämlich freiwillig in den Dienst einer Kampagne gestellt, die sich um unterernährte amerikanische Kinder kümmerte.

Die Wissenschaft konnte der Popularität dieses Helden allenfalls nachrennen und verstolperte sich prompt, denn schon zwei Jahre später musste das angebliche Forschungsergebnis drastisch nach unten korrigiert werden, allerdings nicht von deutschen, sondern wiederum von amerikanischen Chemikern.

Popeye rührte das nicht besonders, der mampfte weiter seinen Spinat;jahrzehntelang. Richtig bleibt also, dass die Spinat-Folter schon seit den Dreißigern wider besseres Wissen ausgeübt wurde. Der vermeintlich hohe Eisenanteil müsste sich über die Jahre bemerkbar gemacht haben, aber nicht einmal die amerikanischen Kinder sind nennenswert gestählt aus dieser terroristischen Dauerdiät hervorgegangen.

Eine weitere Überprüfung erübrigte sich aber, war doch der Zirkelschluss unhintergehbar, dass Spinat (1) gesund war, weil er nicht schmeckte, und (2) weil er nicht schmeckte, musste er auch gesund sein. Der Mythos von der durch Popeye sicherlich nicht wenig verstärkten Dosis hielt sich bis in die jüngste Zeit. Stimmt es also, dass Popeye den Spinat wegen des Eisens mampfte?

Fleißig weitergedichtet

Stimmt nicht, denn er war bereits vier Jahre durch seinen täglichen Strip marschiert, ohne Spinat auch nur zu erwähnen. Eisen kommt, wie Sutton durch ein gründliches Studium nachweisen kann, in den frühen Cartoons gar nicht vor. Popeye begann seine Laufbahn als Kraftlackl ohne diese Droge.

Damit fällt die Spinat-Eisen-Verbindung in den überbordenden Ablagekasten mit populären Mythen, die saisonal die Runde machen: dass ein Glas Rotwein pro Tag das Leben um exakt drei Jahre, fünf Monate und 21 Tage verlängere, oder dass Kaffee den Herzinfarkt verhindere, abendliches Rasieren den Bart weich mache und ähnlicher Blödsinn.

Immer findet sich eine Untersuchung einer Sonderforschungsabteilung einer sonst auch nicht auffällig gewordenen University of Backwoods, West Virginia, und ein willfähriger Redakteur in einer Fachzeitschrift, der das Ergebnis druckt und mit einer statistischen Erhebung unter zwölfeinhalb repräsentativ ausgewählten Probanden bestätigen kann.

Jeder Laie kann sich den Erfolg der Spinat-Legende erklären: Es handelt sich um eine Verknüpfung von Metaphern, der eisenfressende Matrose wird selber unbesiegbar, ein rechter Mann aus Eisen. Anstelle der Gleichung Spinat = Eisen darf der aufgeklärte Esser also längst die Ungleichung Spinat Eisen aufmachen. Wenn ihm auch der Spinat nicht schmeckt, so ist der Triumph über die leichtgläubige Wissenschaft umso köstlicher.

Noch schöner freilich, wenn sie mit ihren eigenen Mitteln zu schlagen ist, wenn sich nachweisen lässt, dass sie sich um eine ganze Dezimalstelle vertan hat. Hamblin erklärt heute, sein Beitrag sei eher humoristisch gemeint gewesen. Denn Belege für seine Behauptung mit der falschen Dezimalstelle kann er nicht beibringen.

Dafür haben dann andere die große Spinat-Legende weitergedichtet. Offenbar bedeutet es eine gewaltige Kränkung, über Jahre mit einer scheinwissenschaftlichen Begründung für den Verzehr von Spinat gezwungen worden zu sein. Nicht auszuschließen ist es auch, dass hier ein tiefsitzendes Trauma zu einem wiederum scheinwissenschaftlichen Rachefeldzug geführt hat.

Aus jugendlichen Spinat-Opfern werden Erwachsene, die es ihren Eltern und den hinter ihnen stehenden Ernährungswissenschaftlern heimzahlen wollen. So wurde aus der Mär von den "deutschen Chemikern", die bei Hamblin noch den Schwindel aufdeckten, ein (balten)deutscher Physiologe, der den Schwindel aufbrachte.

Dabei hat Gustav von Bunge sich nichts weiter zuschulden kommen lassen, als dass er die Bestandteile von Gemüse abwog und dabei feststellte, dass Spinat ("zusammen mit weiteren Gemüsen") vergleichsweise viel Eisen enthält. Von einem Dezimalrechenfehler ist in der Forschung bisher nichts bekannt geworden.

Sutton versetzt mit seiner Untersuchung den Leichtgläubigen, die einst an den hohen Eisengehalt von Spinat glaubten und jetzt nicht weniger glühend daran, dass alles ein aufgelegter Schwindel war, noch schlimmer: ein Rechenfehler, einen Rüffel: Popeye wäre vor Neid erblasst. Wieder mal alles geglaubt, was in der Zeitung steht.