Menschliche Gewalt Hauen und Stechen unter Jägern und Sammlern

Krieg den Hütten: Selbst die friedlichsten indigenen Völker weisen vergleichsweise hohe Gewaltraten auf. Auch die Tötungsrate ist erstaunlich hoch.

Von Sebastian Herrmann

Die Slavey lebten lange unbehelligt an den Ufern des Großen Bärensees und des Großen Sklavensees. Dort, im Nordwesten des heutigen Kanadas, gingen die Angehörigen des Volkes auf die Jagd nach Karibus. Im frühen 18. Jahrhundert mussten sich die Slavey dann gegen organisierte Überfälle wehren.

Für einzelne Ethnien liegen die Sterberaten durch gewalttätige Konflikte teils dramatisch hoch, zum Beispiel bei den Waorani (auch Huaorani) in den Regenwäldern im Osten Ecuadors.

(Foto: REUTERS)

Krieger der Cree drangen in das Gebiet ein und fielen über die Menschen her. Die Angreifer gehörten ausgerechnet zu dem Volk, das in den 1970er-Jahren zu Symbolfiguren des friedliebenden, mit der Natur verbundenen Menschen hochgejubelt wurde, indem man ihnen die angebliche Weissagung der Cree unterjubelte.

Demnach werde der Weiße Mann erst erkennen, dass er Geld nicht essen kann, wenn er seinen Krieg gegen die Umwelt bis zum letzten Baum durchgefochten hat. Doch offenbar taugen die Cree schlecht als Projektionsfläche für die Sehnsucht nach einem friedlichen Paradies.

Spricht das kriegerische Verhalten der Cree stattdessen für die These des Evolutionspsychologen Steven Pinker? Demnach war in den nicht-staatlich organisierten Gesellschaften der Menschheitsgeschichte Gewalt allgegenwärtig. Erst die Entwicklung von Staatlichkeit habe Gewalt eingedämmt. Diese Aussage lässt sich anhand von Daten überprüfen, die Ethnologen heute in isolierten Gemeinschaften sammeln, die weitgehend ohne staatliche Organisation leben.

Die Kriminologin Amy Nivette von der Universität Cambridge kommt zu einem eindeutigen Schluss. Sie wertete kürzlich Studien zur Häufigkeit von Gewalt unter nicht-staatlichen Gesellschaften aus (British Journal of Criminology, Bd. 51, S. 578, 2011). Selbst die friedlichsten der untersuchten indigenen Völker weisen demnach "vergleichsweise hohe Gewaltraten auf".

Das gleiche Bild zeichnet der Ethnologe Jürg Helbling von der Universität Luzern, Autor des Buches "Tribale Kriege. Konflikte in Gesellschaften ohne Zentralgewalt." Im Schnitt sterbe in nicht-staatlichen Gesellschaften ein Viertel der Bevölkerung durch Gewalt, unter Männern betrage die Mortalitätsrate sogar ein Drittel.

Für einzelne Ethnien liegen die Sterberaten durch gewalttätige Konflikte teils dramatisch hoch, zum Beispiel bei den Waorani (auch Huaorani), die in den Regenwäldern im Osten Ecuadors leben. Die Zeit zwischen 1860 und 1960 klingt wie ein 100-jähriges Gemetzel.

Die Mortalitätsrate in den Kriegen, die Waorani-Gemeinschaften gegeneinander führten, lag bei 44 Prozent - fast die Hälfte aller Menschen verlor in den Auseinandersetzungen ihr Leben. Unter den Männern fanden 53,6 Prozent einen gewaltsamen Tod. Die Waorani führten außerdem Kriege gegen andere Ethnien, die zusätzliche Opfer forderten. "Die haben sich gegenseitig fast ausgerottet", sagt Jürg Helbling, "die musste man in den 1950er-Jahren von außen pazifizieren."

Die Waorani sind ein extremes Beispiel. Doch auch in anderen Völkern ist ein gewaltsamer Tod ein häufiges Ereignis. Unter den Yanomami in Amazonien erreicht die kriegsbedingte Mortalität Raten bis zu 20,9 Prozent der Bevölkerung; bei den Abelam in Neuguinea liegt die Rate bei 30 Prozent. Zum Vergleich: Während des Ersten Weltkrieges lag die kriegsbedingte Mortalität bezogen auf die Gesamtbevölkerung in Frankreich und Deutschland bei etwa drei Prozent.

Trotzdem hält sich auch unter Ethnologen das Gerücht vom friedliebenden Wilden. Immer wieder wird ein Aufsatz des Anthropologen David Fabbro zitiert, der 1978 ein Bild egalitärer, freiheitlicher Gemeinschaften zeichnete, in denen die Menschen ohne Krankheit, Leid und Gewalt miteinander auskamen.

Die Daten sprechen dagegen, doch sind diese Forschungsergebnisse im Einzelnen immer angreifbar, wie Kriminologin Nivette betont. "Beobachtungen von Ethnologen sind meist auf wenige Dörfer beschränkt und zeitlich limitiert", sagt auch Helbling. Dies verzerre die Daten für einzelnen Ethnien. Das Gesamtbild, wonach Gewalt in nicht-staatlichen Gruppen häufig ist, sei aber unstrittig.

Und die Slavey im Norden Kanadas? Die Angehörigen dieses Volkes waren selbst keine Lämmer. Sie führten zwar keine organisierten Kriege gegen andere Stämme. Doch sie waren bekannt dafür, dass sie Fremde in ihrem Territorium töteten.