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Megaprojekt:Im Umweltschutz herrscht "eine perverse Anreizstruktur"

Jetzt fließt das Wasser, und die Staatsmedien verkünden den Triumph der Technik. Das Aquädukt habe "eine Trockenheit in Pingdishan abgewendet", lobte die Nachrichtenagentur Xinhua. Fotos zeigen jubelnde Bauern im Norden. Was sie nicht zeigen, sind die Tausenden Menschen, die für das Wasser ihre Heimat verlassen mussten und dafür Entschädigungen von rund 100 Euro pro Jahr erhalten. Was auch nicht erwähnt wird, sind die Schwierigkeiten. Ein Großteil des Wassers wird nur dazu gebraucht, den Grundwasserspiegel in Peking wieder aufzufüllen. Zudem kämpfen die Verantwortlichen mit Qualitätsproblemen: Während an der Oberfläche in der Hitze viel Wasser verdunstet, sickert von unten an zahlreichen Stellen Grundwasser ein - und das ist oft verschmutzt. Und bei der mittleren Route haben die Ingenieure sich sogar mit der Wassermenge vertan - statt zwölf Kubikkilometer Wasser pro Jahr lassen sich nach Angaben von Insidern bisher nur neun aus dem Jangtse-Becken umleiten.

A CHINESE WORKER LOOKS AT A PORTRAIT OF THE LATE CHAIRMAN MAO ZEDONG IN BEIJING

Mao Zedong: Die Natur als Feind

(Foto: REUTERS)

Für besseren Schutz der bestehenden Gewässer werden die Kanäle nicht sorgen. "Die Wasserverschmutzung ist das erste Problem. Erst danach kommt die Knappheit", sagt Xianfang Song, Hydrologe an der chinesischen Akademie der Wissenschaften. Der "gute Weg" wäre es, mehr Wasser zu reinigen, es wiederzuverwenden und Fabriken zur Aufbereitung zu zwingen, sagt Xianfang Song. "Für die Nachhaltigkeit sollten wir es so machen." Aber in China habe man sich eben für ein "großes Projekt" entschieden.

Für die Umweltforscherin Ran Ran von der Renmin-Universität in Peking offenbart das Milliardenbauwerk sowohl Stärke als auch Schwäche der Zentralregierung. "Es gibt sehr strikte Umweltgesetze", sagt Ran, "doch Beamte auf dem Land haben keinerlei Anreiz, sie umzusetzen". Die Politologin spricht von einer "perversen Anreizstruktur", die eine Lücke zwischen Gesetz und Wirklichkeit erzeuge. Befördert wird, wer in seinem Dorf für Umsatz in den Fabriken und Steuereinnahmen sorgt - ein strenger Blick auf den Gewässerschutz lockt jedoch kaum Industrie an. Die Politologin hat in drei Millionenstädten in China untersucht, für welche Vergehen Beamte zur Rechenschaft gezogen werden. "Wegen der Nichteinhaltung von Umweltstandards", sagt Ran, "konnte ich keinen einzigen Fall einer Strafe finden." Um die Wasserverschmutzung in den Griff zu bekommen, sei das Aquädukt gebaut worden. Denn es erscheint bequemer, die Menge statt die Qualität des Wassers zu steuern, meint Ran. "Die chinesische Regierung hat deutlich mehr Macht bei Infrastruktur-Projekten." Hier gibt es wohl Anreize genug mitzumachen, die vielen Bauaufträge an jedem Abschnitt machen nicht wenige Leute reich.

Die Natur: der Feind, der besiegt werden muss

Dabei liegt die Wurzel des Übels wohl in einem veralteten Naturbild. In den Parteischulen weht noch der Geist der Mao-Ära, der die Natur zum Feind erklärt, der besiegt werden muss. Ren Ding Sheng Tian, der Mensch muss die Natur erobern, gab Mao als Parole aus. Die kommunistische Revolution werde auch die Natur radikal umgestalten, verkündete die Partei. "Viele denken das noch heute", sagt Ran.

Ma hat einen alternativen Weg gefunden, dagegen zu kämpfen. Der Umweltschützer deutet auf die Karte an seinem Flachbildschirm. Sie zeigt 31 Provinzen, 300 Städte und 203 000 Umweltvergehen von chinesischen Firmen, säuberlich aufgelistet in einer Datenbank. Welche Fabrik hat gerade illegal Schmutzwasser entsorgt? Wo herrscht Wasserknappheit, wo ist das Wasser gerade besonders dreckig? Auf dieser Karte kann Ma es sehen, so wie jeder Chinese mit Internetzugang - also gut 700 Millionen Menschen.

Mas Mitarbeiter haben die "Verschmutzungskarte" programmiert, die Daten stammen von lokalen Behörden und werden in Echtzeit dargestellt. "Es ist das erste System dieser Art weltweit", erklärt Ma. Vor Kurzem ist eine weitere App fertig geworden, mit der Bürger Verschmutzer melden und in sozialen Netzwerken anschwärzen können. Der Umweltaktivist wischt auf einem iPad herum, ein Countdown von einigen Wochen erscheint. Die tickende Uhr soll Firmen dazu bringen, ihre Produktion zu ändern - ist der Timer abgelaufen und nichts passiert, droht ein weiterer Eintrag. Es der moderne Weg, Umweltprobleme anzuprangern, ohne Megafone und Transparente, sondern mit Daten, Apps, Sozialen Medien und Transparenz. Beim IPE arbeiten viele junge Programmierer und Webdesigner.

Seit Ende 2014 fließt das Wasser durch die mittlere Route bis nach Peking.

(Foto: Claus Davidsen, Technical University of Denmark)

Anfangs bekämpfte der Staat sie dafür. "Öffentliche Partizipation ist in China ein sehr neues Phänomen", sagt Ma. Doch sein System erzeugt Druck. Große Marken wie H & M oder Gap, die in China produzieren lassen, durchleuchten mit den Daten aus der Verschmutzerkarte bereits ihre Lieferkette und erkennen so schwarze Schafe unter ihren Zulieferern. Mehr als 2000 Produzenten sind ihr Abwasserproblem auf Druck der internationalen Marken hin bereits angegangen. "Einige geben sehr viel Geld dafür aus", sagt Ma. "Sie spüren, dass sie sich ändern müssen." Die Erfolge bringen auch staatliche Stellen zum Umdenken. Mittlerweile bezieht die IPE sämtliche Daten von der Regierung - für Ma der beste Beweis, dass die Transparenz für beide Seiten funktioniert. "Unsere Mühen haben die Gesellschaft nicht gespalten. Sie haben geholfen, Probleme zu lösen."

Ferngesteuerte Mini-Boote sollen die schlimmsten Umweltsünder aufspüren

Der Untergang der alten Ideologie vom Kampf gegen die Natur sei nun eingeläutet, hofft Ma. Das Süd-Nord-Aquädukt scheint das letzte Überbleibsel davon zu sein, ein Relikt, das nicht mehr recht in die Zeit passt. "Im besten Fall kann es uns etwas Zeit erkaufen", hofft Ma, damit der Norden sich künftig auf den Schutz der Gewässer konzentriere, statt die Wassermenge auszuweiten. Sonst drohe auf lange Sicht eine schwere Wasserkrise.

Und wenn alles nichts hilft, dann helfen vielleicht Kontrolle und Überwachung, zum Beispiel mit Drohnenbooten. Auf der "Internationalen Messe der Umweltschutz-Industrie" in Peking stehen verschiedene Modelle der Schiffe säuberlich aufgereiht, jedes ein bis zwei Meter lang. Sie sehen aus wie vergrößerte Spielzeugboote, lassen sich fernsteuern, haben ein Mini-Labor im Rumpf, um Wasserproben zu nehmen, und eine Kamera auf dem Dach. "Um Verschmutzer aufzuspüren", erklärt Liu Bohong am Stand der Firma Yinzhou-Tech, die die Schiffchen entwickelt hat. Immer mehr Regierungen chinesischer Teilprovinzen interessierten sich dafür, sagt der Verkäufer. Die Boote könnten quasi direkt vor die Abwasserrohre der Fabriken fahren und Daten sammeln.

Man darf nur nicht den Fehler machen, die Halle zu verlassen und in die nächste zu gehen. Dort findet zeitgleich die "Internationale Kohlemesse" statt, deren Aussteller für all die großen Schaufelräder, Bagger und Bohrköpfe werben, mit denen sich die gerade aufgeräumte Umwelt wieder aufreißen lässt.

© SZ vom 16.04.2016

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