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Medizingeschichte:Ganz viel Grips

Santiago Ramón y Cajal

Santiago Ramón y Cajal sah sich unter dem Mikroskop die Form, die Lage und das Verhalten der Nervenzellen an. Und ab und zu fotografierte er sich selbst, wie hier in seinem Labor in Valencia.

(Foto: gemeinfrei)

Künstler, Fotograf und Nobelpreisträger: Der spanische Neuroanatom Santiago Ramón y Cajal erkannte als erster den Aufbau des Gehirns.

Von Astrid Viciano

Manchmal kann es richtig nervig sein, einen Nobelpreis zu gewinnen. Zumindest, wenn man die Trophäe gemeinsam mit seinem ärgsten Widersacher entgegennehmen muss. So geschah es im Jahr 1906, als zwei Ikonen der Hirnforschung in Stockholm zusammentrafen. Würden sie endlich Frieden schließen, besänftigt durch die Ehrung ihres Lebenswerks? Von wegen! Selbst in der Rede zur Preisverleihung überschüttete der italienische Mediziner Camillo Golgi seinen verhassten Kontrahenten mit Häme: Santiago Ramón y Cajal, ebenfalls Arzt und für viele der größte Neuroanatom aller Zeiten. "Cajal ist bis heute eine Lichtfigur der Hirnforschung", sagt der Neurobiologe Alfonso Araque von der Universität Minnesota.

Bis heute zeigen Neurowissenschaftler die prächtigen Zeichnungen des spanischen Anatoms in ihren Vorträgen, bis heute haben sich viele seiner frühen Beobachtungen zum Gehirn bestätigt. Derzeit tourt eine Ausstellung über Cajal durch die USA, später soll sie auch ihren Weg nach Europa finden, mit 80 seiner berühmtesten Illustrationen und Fotos aus seinem Leben.

Geboren wurde Santiago Ramón y Cajal in einem armen Dorf namens Petilla de Aragón im Nordosten Spaniens. Sein Vater war der Sohn eines Bauern und hatte hart daran gearbeitet, ein respektierter Dorfarzt zu werden. Doch Santiago machte dem Vater Kummer: Er war kein lernbegieriger, auch kein fleißiger Junge. In seiner Autobiografie beschreibt sich Cajal als schüchtern, eigenbrötlerisch und abweisend.

Er interessierte sich für Fotografie, begann im Alter von acht Jahren zu zeichnen. Er wollte Künstler werden, sehr zum Verdruss seines Vaters. Doch gerade diese Talente, so zeigte sich später, sollten den Sohn zum Begründer der Neurowissenschaften machen. Davon war jedoch zunächst nichts zu sehen, Cajal hatte keinerlei Ambitionen, als Dorfarzt in die Fußstapfen des Vaters zu treten. Der gab jedoch nicht auf, überredete den Sohn, ihm bei seinem Anatomie-Unterricht an der medizinischen Fakultät in Saragossa zu helfen. Das gefiel Cajal, er begann, anatomische Zeichnungen des menschlichen Körpers zu fertigen.

Cajal erkrankte an Malaria, war so geschwächt, dass er nicht als Arzt arbeiten konnte

Die Bemühungen seines Vaters fruchteten, Cajal schrieb sich fürs Medizinstudium in Saragossa ein, wurde danach vom Militär nach Kuba eingezogen. Dort erkrankte er an Malaria. Er kehrte so geschwächt nach Spanien zurück, dass er nicht mehr als Arzt arbeiten konnte. Daher begann er, als Assistent am Anatomie-Institut der Universität Saragossa zu forschen und lernte, menschliches Gewebe unter dem Mikroskop zu studieren. Bald stieg er zum Professor auf, übernahm den Lehrstuhl für Anatomie an der Universität in Valencia, ging nach Barcelona, wechselte später nach Madrid.

Dass er sich dem menschlichen Gehirn widmete, war zunächst ein Zufall. Zu Beginn der Hirnforschung hatte es kaum Möglichkeiten gegeben, ein Gehirn wissenschaftlich zu untersuchen. Frisch hat es etwa die Konsistenz eines Wackelpuddings, selbst als es Forschern gelang, das Gewebe zu härten und daraus Hirnschnitte zu fertigen, sah man unter dem Lichtmikroskop fast nichts. Erst der italienische Histologe Camillo Golgi - der Rivale Cajals - entwickelte im Jahr 1873 eine Technik, die das ändern sollte. Golgi gelang es, mithilfe einer chemischen Reaktion einzelne Nervenzellen mit Silber zu überziehen - und dadurch als Ganzes sichtbar zu machen.

Selbst in seiner Nobelpreisrede zerpflückte der Rivale die vermeintlich falsche Theorie

Santiago Ramón y Cajal war von der neuen Methode seines Kollegen, der "schwarzen Reaktion", begeistert. Cajal entwickelte Golgis Methode weiter, optimierte sie, arbeitete oft mehr als 15 Stunden am Tag. Allein im Jahr 1890 veröffentlichte er 14 wissenschaftliche Arbeiten über das Nervensystem.

Golgi hatte gezeigt, dass Nervenzellen zwei Arten von Fortsätzen haben, vom Zellkörper ausgehend. Das konnte auch Cajal bestätigen, doch entwickelten die beiden Forscher daraus zwei völlig unterschiedliche Theorien über den Aufbau des Gehirns: Die Nervenfasern seien wie die Fäden eines Spinnennetzes durchgängig miteinander verbunden, behauptete Golgi. Cajal dagegen erklärte, dass das Gehirn aus autonomen Zellen bestehe, die nur über Kontaktstellen miteinander kommunizieren. Cajal hatte recht, seine sogenannte Neuronendoktrin gilt als Grundstein der modernen Neurowissenschaft. Doch Golgi wollte das nicht wahrhaben. So erbittert war der Italiener, dass er es selbst in seiner Nobelpreisrede nicht lassen konnte, die vermeintlich falsche Theorie seines Kollegen zu zerpflücken. Er betonte, "keines der Argumente ... würde der Überprüfung standhalten".

Doch Cajal hatte den besseren Blick - und er begann, wunderbar filigrane Bilder der Nervenzellen im Gehirn zu zeichnen. Rund 3000 Bilder sollen es insgesamt gewesen sein, nicht alle sind mehr aufzufinden. Ein großer Teil der Zeichnungen und auch der Hirnpräparate liegt im nach Cajal benannten Forschungsinstitut in Madrid, die meisten von ihnen allerdings sind im Keller verstaut.

Der Neurobiologe Alfonso Araque möchte gern ein Museum gründen, in dem die prächtigen Werke von Cajal bewundert werden könnten. Damit der spanische Neuroanatom zu noch mehr Ansehen kommt. Araque nämlich scheut sich nicht, Cajal in seiner Bedeutung mit Charles Darwin zu vergleichen, dem Begründer der Evolutionstheorie. Oder mit Louis Pasteur, der die Rolle von Mikroben bei der Entstehung von Krankheiten erkannte. Außerhalb seiner Heimat erreichte der Spanier jedoch nie den Ruhm seiner Forscherkollegen.

Der Streit mit seinem Rivalen Golgi hat Cajal übrigens sein Leben lang nie losgelassen. Selbst in seinen Memoiren urteilt er noch hart über den italienischen Kontrahenten: "Einer der am meisten eingebildeten und sich selbst beweihräuchernden begabten Männer, die ich je gekannt habe."

© SZ vom 21.10.2017

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