Medizin Die Roboter-Chirurgen

Der Roboter "Versius" wird vielleicht schon nächstes Jahr Menschen operieren.

(Foto: CMR Surgical)
  • Gleich mehrere neue Operationsroboter werden in Kürze auf den Markt kommen.
  • Allerdings ist selbst bei den bisher etablierten Maschinen nicht sicher, dass sie große Vorteile gegenüber der traditionellen Chirurgie haben.
Von Boris Hänßler

In einigen deutschen Kliniken ist es bereits Alltag: Der Patient liegt auf dem Operationstisch. Über ihm schweben vier steril verpackte Roboterarme. Einige Meter vom Tisch entfernt sitzt der Chirurg an einer Art Cockpit, konzentriert den Kopf in einer Öffnung des Apparats versenkt, wo er in bis zu zehnfacher Vergrößerung Bilder aus dem Körperinneren des Patienten sieht. Mit Steuergriffen bedient der Chirurg die Arme des Roboters und führt damit vor allem Prostata-, Blasen- und Nierenoperationen durch. Als Logo steht auf den Robotern immer "da Vinci". Die US-Firma Intuitive Surgical hat mit diesem System seit seiner Zulassung im Jahr 2000 ein Monopol errichtet und ein Riesengeschäft gemacht.

Jetzt allerdings steht eine ganze Reihe von Robotern in den Startlöchern, die da Vinci mit mehr Intelligenz Konkurrenz machen. Ein Grund dafür ist, dass relevante Patente abgelaufen sind. Beim kommenden Roboter-Boom ist allerdings Vorsicht geboten: Chirurgen sagen zwar, dass die Roboter einige OPs erleichtern, aber nicht alle, und die hohen Kosten eines Roboters könnten die Kliniken dazu verleiten, die Technik auch aus Bilanzgründen einzusetzen, nicht nur zum Wohle der Patienten.

Etwa 877 000 Patienten ließen sich im vergangenen Jahr weltweit mit Hilfe von da Vinci operieren. 684 dieser Systeme hat der Hersteller im selben Jahr verkauft - für je nach Ausstattung bis zu zwei Millionen Euro plus Wartungsvertrag mit noch einmal bis zu knapp 150 000 Euro im Jahr. Hinzu kommen 500 bis 3 000 Euro Verbrauchskosten je Operation.

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Die Länge des Klinikaufenthalts verkürzte sich durch den Einsatz der Roboter nicht

Der Nutzen von da Vinci ist nach 18 Jahren immer noch umstritten. In den USA werben Kliniken offensiv damit: Es gebe weniger Komplikationen, weniger Schmerzen, weniger Blutverlust, kürzere Klinikaufenthalte. Aber bislang gibt es keine unabhängigen Studien, die dies ausreichend belegen. Benjamin Chung, Urologie-Professor an der Universität Stanford, konnte in einer der wenigen Langzeit-Studien weder überzeugende Argumente für eine OP mit da Vinci finden noch dagegen.

Chung erklärte in einer Pressekonferenz, dass es weder beim Resultat der OP noch bei der Länge des Klinikaufenthalts signifikante statistische Unterschiede gebe. Die Studie bezog sich auf einen Zeitraum von 13 Jahren. Sicher ist, dass die roboter-assistierten OPs mehr kosten - etwa 2 000 Euro mehr pro Patient. Auch sei die Wahrscheinlichkeit einer längeren Operationszeit mit Roboter höher.

Forscher der Universität Illinois kamen zu einer weiteren Bilanz mit da Vinci: in 14 Jahren gab es damit 144 Todesfälle, 1391 Verletzungen sowie 8061 Gerätefehler. Dabei fielen heiß gewordene Teile der Instrumente in die Patienten, die Instrumente führten ungewollte Aktionen aus, es gab Systemabstürze und Probleme in der Bilddarstellung. Allerdings betreffen diese Berichte ältere Versionen des Geräts. Zudem geht aus der Studie nicht hervor, wie viele Komplikationen es im gleichen Zeitraum ohne Roboter gab.

Heute sagen Chirurgen, dass ihnen das System das Operieren tatsächlich erleichtere, darunter Professor Sören Torge Mees, Geschäftsführender Oberarzt der Klinik und Poliklinik für Viszeral-, Thorax- und Gefäßchirurgie der Technischen Universität Dresden. "Wir setzen den Roboter vor allem bei onkologischen Operationen ein, wenn wir besonders subtil arbeiten müssen, zum Beispiel tief unten im Becken bei einer Rektumresektion - der Enddarm-Entfernung." Durch die räumliche Enge und Blutungen kann die Sicht dabei deutlich eingeschränkt sein. Da Vinci helfe mit seiner bildlichen Vergrößerung, aber auch mit seinen vier Armen: ein Arm führt die Kamera, drei Arme arbeiten und ein assistierender Chirurg am OP-Tisch kann zusätzlich eingreifen.

In der Speiseröhrenchirurgie seien für Nahtverbindungen die sieben sogenannten Freiheitsgrade der Roboterinstrumente nützlich: Die Roboter haben mehr Gelenke als eine menschliche Hand und seien laut Mees somit den klassischen minimalinvasiven Instrumenten deutlich überlegen. Für Chirurgen sei das System von ergonomischem Vorteil, da sie im Stuhl sitzen können und sich nicht über dem Patienten verrenken müssen, wie dies bei einigen minimalinvasiven Operationen notwendig sei.