Literatur zur rechten Esoterik:Utopie oder Satire?

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Die Vril-ya sind schlank, groß und haben ein "sphinxartiges Gesicht". Gäbe es sie wirklich, sie würden "vor Langeweile sterben", sagte Bulwer-Lytton selbst über seine Vril-ya. In einer perfekten Gesellschaft kann es nichts Neues mehr geben. Aber da war er schon zum Okkultisten erklärt und in den englischen Geheimbund der "Rosenkreuzer-Gesellschaft" aufgenommen worden. Mit seinem Buch habe der Konservative Bulwer-Lytton warnen wollen vor den Folgen moderner Technik und materialistischer Weltdeutung, erklärt Strube. Aber "The Coming Race" galt dem England des späten 19. Jahrhunderts nicht als Satire, sondern als Utopie.

Die esoterischen Vorstellungen jener Zeit, wie sie später Helena Blavatsky oder Rudolf Steiner aufgriffen, wandten sich nicht gegen die Wissenschaft, sondern waren vielmehr bestrebt, das Unerklärliche der Wissenschaft zuzuführen. Das Vril war stets konzipiert als Naturkraft, deren Beherrschung das Verständnis der Natur voraussetzte. In Bulwer-Lyttons Roman und seinen unzähligen Rezeptionen fließt das Vril zwar aus einem Stab. Ihn zu benutzen aber vermag nur, wer von der Evolution dazu ausersehen ist. Was die Esoteriker an der Moderne beklagten, war der Materialismus. Ihm setzten sie das Übersinnliche entgegen, nicht das Übernatürliche. So erklärt sich etwa die Rede von einer "natürlichen Magie".

Das Vril blieb bis weit ins 20. Jahrhundert ein beliebter Gegenstand esoterischer Spekulationen. Wesentlichen Anteil daran hatte der Theosoph William Scott Elliot, der das Vril mit Atlantis in Verbindung setzte und ihm somit eine Rezeption innerhalb der Esoterik sicherte. Auf Rudolf Steiner machte "The Coming Race" so großen Eindruck, dass er eine Neuübersetzung unter dem Titel "Vril oder Eine Menschheit der Zukunft" anfertigen ließ. Im Jahr 1923 erklärte er Bulwer-Lyttons Buch zur Pflichtlektüre für die zehnte Waldorf-Klasse.

Heute ist es das freilich nicht mehr. Aber warum ranken sich immer noch so viele Theorien um das Vril? Rechte Esoteriker redeten in den zwanziger Jahren viel von einer "Urkraft des deutschen Volkes", und die Nähe zur "friedlichen" Theosophie ist nicht zu verkennen, wenn etwa der Industrielle Fritz Klein 1929 davon spricht, die "Erkenntniswelt" sei durch eine "Erlebniswelt" zu ersetzen. Fritz Klein war Mitglied der "Reichsarbeitsgemeinschaft", die sich, in Analogie zu Bulwer-Lyttons Roman, als das "kommende Deutschland" begriff. In einer Broschüre aus dem Jahr 1930 heißt es: "Jetzt wachse das in die Menschenbrust gesäte Tatkorn wurzeltreibend zum Tat-Weltbaum!"

Hitlers "Geheimwaffe Vril"

Wieder stehen in diesem Zusammenhang Atlantis und Vril für das Erbe einer "germanischen Zivilisation". Auch Heinrich Himmler war dem Esoterischen zugetan. Auf der Wewelsburg, einer Kultstätte der SS, hatte er eine "Schwarze Sonne" im Boden anbringen lassen. Bis heute wollen Anhänger des Nationalsozialismus mindestens das Zeichen einer geheimen "esoterischen SS", wenn nicht ein Dokument der Vril-Kraft erkennen, des Treibstoffs für die "Flugscheiben", auf denen Hitler und seine Getreuen von der Erde geflohen seien.

Im Jahr 1960 setzten Louis Pauwels, ein in Paris lebender Belgier, und Jacques Bergier die ebenso abenteuerliche wie erfolgreiche Geschichte einer "Vril-Gesellschaft" in die Welt, die zum Aufstieg des Nationalsozialismus beigetragen habe. Hitler galt ihnen als vom Himmel Gesandter. Den Unterhaltungswert solcher Geschichten erkannte schließlich auch der US-Sender Discovery Channel, der 2008 eine Dokumentation mit dem Titel "Dark Fellowships: The Vril" produziert. In bester Scripted-Reality-Manier wird darin "nachgewiesen", wie Hitler dank der "Geheimwaffe Vril" an die Macht gekommen sei. Und das Buch "Geheimgesellschaften" von Jan Udo Holey, zuerst 1994 erschienen, verkaufte sich hunderttausend Mal, bis es zwei Jahre später wegen Volksverhetzung und Antisemitismus verboten wurde (das Verbot wurde 2001 aufgehoben). Auch darin geht es um den Vril-Mythos.

Es ist eine erstaunliche Geschichte, die Julian Strube hier auf streng motivgeschichtliche Weise aus dem Untergrund der Zeitgeschichte erzählt. Am meisten überrascht daran, wie groß und ungebrochen offenbar die Bereitschaft ist, sich auf solche Spekulationen einzulassen. Die Moderne hat offenbar eine Rückseite: die Modernisierung des Aberglaubens.

Julian Strube: Vril. Eine okkulte Urkraft in Theosophie und esoterischem Neonazismus. Wilhelm Fink Verlag, München 2013. 222 Seiten, 19,90 Euro.

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