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Lebensmittel und Gesundheit:Mittel für Gesunde, nicht für Kranke

Hat man bei der Efsa ein Problem mit der Wissenschaftlichkeit? Gerhard Rechkemmer, Präsident des Max-Rubner-Instituts für Ernährung und Lebensmittelsicherheit, kann die Aufregung nicht verstehen und verteidigt die Efsa: Wissenschaftler aus öffentlichen Forschungsinstituten hätten gemeinsam mit der Industrie die Kriterien für die Beurteilung von gesundheitsbezogenen Aussagen durch die Efsa festgelegt.

Dass Probiotika bei manchen Krankheiten helfen, gilt als weitestgehend bewiesen. Doch die Efsa akzeptiert die Studien mit Kranken nur im Ausnahmefall als Beweis für den Wert der Gesundheitsversprechen. Schließlich seien Probiotika als Lebensmittel für die gesunde Bevölkerung gedacht, sagt Rechkemmer.

Was Gesunde von den aufgemotzten Joghurts haben, soll den Efsa-Kriterien zufolge nicht anhand "harter Endpunkte" geprüft werden. Das wären direkte Effekte auf die Gesundheit: wenn Menschen, die die entsprechenden Joghurts essen, seltener Durchfall haben oder weniger Infektionen. Bei der Prüfung der Probiotika werden nur Ersatzmessungen vorgenommen - etwa ob die Aktivität bestimmter Immunzellen erhöht ist oder die Zahl pathogener Keime im Darm niedriger.

"Dies ist nach wie vor sinnvoll", findet Rechkemmer. Mit Hilfe solcher Werte lasse sich zu einem relativ frühen Zeitpunkt erkennen, ob Lebensmittel einer Krankheit vorbeugen können, ähnlich wie der Cholesterinwert im Blut als Marker für Herz-Kreislauf-Erkrankungen gelte.

Dagegen meint Bischoff: "Diese Messwerte sind Kompromisslösungen. Wir behandeln doch Menschen, keine Laborwerte." Schließlich bedeutet ein hoher Cholesterinspiegel nicht zwingend einen Infarkt.

Die Efsa erhebe sich mitunter über die Kriterien, wie sie ansonsten in der Wissenschaft üblich seien, beklagen die Probiotikaforscher daher. Das habe sich auch nicht geändert, seit die Behörde im Dezember Vertreter der Probiotikazunft zum vermittelnden Gespräch geladen habe.

So hat die Efsa bei ihrer Health-Claim-Prüfung den Aufbau einer wissenschaftlichen Studie zum Trinkjoghurt Actimel von Danone moniert, die im British Medical Journal erschienen war. Arbeiten in der angesehenen Ärztezeitschrift werden vor der Veröffentlichung von mindestens zwei Experten auf Fehler und Sinnhaftigkeit geprüft.

Seltsam ist der Streit schon, schließlich ist die Efsa sonst eher als industriefreundlich verschrien. Kürzlich legte die Anti-Korruptions-Organisation CEO abermals offen, wie eng einige Efsa-Wissenschaftler mit der Wirtschaft verbandelt sind. Das finden Umweltschützer insofern skandalös, als die europäische Behörde etwa in Sachen gentechnisch veränderter Lebensmittel bislang jeden Antrag durchgewunken hat. "Hier sind die wissenschaftlichen Regeln für die Sicherheitstests im Gegenteil viel zu lax", sagt Christoph Then von der Nichtregierungsorganisation Testbiotech.

Auch als es um die Industriechemikalie Bisphenol A (BPA) ging, hat die Efsa lange keine Sicherheitsrisiken gesehen. Es gab offenbar Verflechtungen mit der Industrie. Doch vor allem liegt dem Streit um die Unbedenklichkeit von BPA wohl ein wissenschaftstheoretischer Disput zugrunde: Die Efsa stützt sich nämlich bei der Bewertung von Nahrungsgiften ebenso wie ihr US-amerikanisches Pendant FDA auf Studien, die in Bezug auf Studienaufbau und Testsysteme die Kriterien der "Guten Laborpraxis" (GLP) erfüllen.

Solche Studien sind extrem teuer, weil sie eine große Zahl an Versuchstieren verlangen, um statistischen Verzerrungen vorzubeugen. Deshalb werden sie vor allem von der Industrie durchgeführt, welche häufig auf eine Veröffentlichung in Fachjournalen verzichtet - und damit auch auf eine Prüfung durch andere Experten. Die GLP-Kriterien gelten als Goldstandard, wenn Stoffe auf eventuelle Risiken hin abgeklopft werden, auch im Chemikalienbereich. "Weil sie hohe Anforderungen stellen, standardisiert und wiederholbar sind", so Andreas Hensel, Präsident des Bundesinstituts für Risikobewertung.

Doch vielen Wissenschaftlern, die zu BPA forschen, ist dies ein Dorn im Auge. Auch ihnen gilt, wie den Probiotika-Experten, vor allem die Veröffentlichung einer Studie in einem guten Fachjournal als Qualitätsbeweis.

"Bei den Sicherheitsbewertungen der Efsa werden zwar auch Studien aus Fachjournalen berücksichtigt, aber nur, wenn sie gut gemacht sind", sagt Andreas Hensel, der für Deutschland im Wissenschaftlichen Beirat der Efsa sitzt. "Bei BPA aber waren einige Studien wissenschaftlich unzulänglich."

Dagegen sagt Hermann Kruse, Toxikologe an der Universität Kiel: "Natürlich sind GLP-Studien besser, aber es gibt mehrere tausend Studien aus guten Fachjournalen zu BPA. Die kann man nicht unter den Tisch fallen lassen."

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