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Klimaforschung:Nach zehn Tagen in der Tiefe tauchen die Geräte auf und senden ihre Daten an die Zentrale

Ende der 1990er-Jahre fassten zwei US-Amerikaner den Plan, aus den Bojen ein globales Netzwerk zu formen. In allen Weltmeeren sollten sie zu Tausenden treiben und zwar selbständig. Aus all den Argo-Daten sind Tausende Studien entstanden - inzwischen erscheint fast jeden Tag eine neue. Die Argo-Flotte hat seither Einblicke in die Funktionsweise der Meere ermöglicht, wie es sich die Wissenschaftler vorher nicht haben träumen lassen.

Lange fiel es schwer, die Regenmenge weltweit zu erfassen, vor allem von Schiffen aus. Weil Argo nun aber den Salzgehalt an der Oberfläche der Meere bestimmen kann, lässt sich berechnen, wie viel es weltweit oder in einzelnen Regionen regnet - je geringer der Salzgehalt ist, desto größer der Niederschlag. Die Niederschlagsmuster, so das Ergebnis, haben sich durch den Klimawandel bereits verändert. "Diese Daten sind wirklich spektakulär, weil man das erste Mal zeigen konnte, dass die regenreichen Regionen nasser und die trockeneren trockener werden", sagt Visbeck.

Auch der Anstieg des Meeresspiegels lässt sich nun besser untersuchen. Satelliten können zwar mit Radaren die Meere abtasten und so bestimmen, um wie viel sich die Meere gehoben haben. Aber welche Ursachen dafür verantwortlich sind, erklären sie nicht. Erst Argo konnte zeigen: Etwa die Hälfte des Meeresspiegelanstiegs trug das Schmelzwasser aus Antarktis, Grönland und den Gebirgen bei. Die andere Hälfte resultiert daraus, dass sich die Meere erwärmen und ausdehnen. "Um Klimamodelle zu eichen und zu kontrollieren, sind das zentrale Parameter", sagt Visbeck. "Denn man kann ja in der Summe richtig liegen, aber falsche Teilantworten haben."

Vier Jahre lang treiben die Bojen durch die Ozeane. Wenn ihre Batterie leer ist, sinken sie ab

Argo hilft aber nicht nur, Wissenslücken in der Klimaforschung zu füllen. Das Roboter-Netzwerk rettet auch Leben - und zwar durch eine bessere Vorhersage von Wirbelstürmen. Lange konnten Meteorologen die Zugbahn und Stärke von Stürmen nur schlecht einschätzen. Sie wussten zwar durch Satellitenbeobachtungen wo sich das Meerwasser besonders erhitzt und so zum Brutkasten für Wirbelstürme wird. Nicht sagen konnten sie aber, wie dick gerade die Wärmeschicht war. Die entscheidet aber, ob sich ein Hurrikan wie Irma zum Zerstörer der fünften Kategorie aufbaut - oder schnell abebbt, wenn das Wasser in ein paar Metern Tiefe schon wieder kalt ist und kaum Energie nachschiebt.

Meteorologen füttern ihre Vorhersagemodelle inzwischen mit den Argo-Daten. Heute sterben durch Wirbelstürme weltweit viel weniger Menschen als noch vor 50 Jahren. Die Menschen wissen nun, wann und mit welcher Wucht ein Sturm kommt und können lose Dinge verstauen, Fenster zunageln und sich selbst in Sicherheit bringen. "Das rettet Leben", sagt Visbeck. "Wer nachts von einem Wirbelsturm überrascht wird, für den ist es meist zu spät."

Mit jeder neuen Generation von Messbojen können Wissenschaftler den Meeren mehr Informationen entlocken. Anfangs trieben die Drifter nur in der Strömung, inzwischen lassen sich einige 100 dank Stummelflügeln und Seitenruder steuern. Solche "Gleiter" können nicht nur wie ein Heißluftballon steigen und fallen, sondern sich auch wie ein Segelflugzeug vorwärtsbewegen. Und damit länger an Orten verweilen, die für die Forschung besonders interessant sind, etwa dort, wo kaltes auf warmes Wasser trifft. Neue Modelle sind mit Extra- Sensoren ausgerüstet, um etwa Sauerstoff, CO₂ oder Trübung zu messen. Und eine Hand voll Messbojen kann inzwischen sogar 6000 Meter hinabsinken und damit den Energiegehalt der Meere genauer erfassen.

Die Boje mit der Seriennummer 7949, die Martin Visbeck im Dezember 2016 ins Wasser geschmissen hat, treibt auch nach mehr als einem Jahr im Südatlantik. Zuletzt ist sie am 10. Februar 2018 bei 32,5 Grad Süd, 19,8 Grad West aufgetaucht und hat Daten gefunkt. Inzwischen ist sie viele Kilometer weit nach Nordwesten gewandert und steuert Südamerika an.

In der Regel schwimmen die Meeresbojen vier Jahre lang in den Meeren, bis ihre Batterie leer ist. Dann treiben die Bojen in zwei Kilometern Wassertiefe noch eine Weile herum, bis sie korrodieren, undicht werden und auf den Meeresboden sinken. Ganz selten spült es sie am Ufer an. Sollte Visbecks Boje an einem brasilianischen Strand anschwemmen, dürften dort wohl die wenigsten ahnen, was dieses gelbe zylinderförmige Ding geleistet hat, um die Meere zu enträtseln.

© SZ vom 27.02.2018
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