Klimawandel:Extreme Schneefälle formten Dächer traditioneller chinesischer Häuser

China spring snow in Beijing

Geschwungene Dächer in der Verbotenen Stadt in Peking

(Foto: Adrian Bradshaw/picture alliance / dpa)

Der Klimawandel der Jetztzeit ist in seiner Stärke beispiellos. Doch auch Menschen der Vergangenheit waren Klimaschwankungen ausgesetzt - und mussten lernen, damit umzugehen.

Von Alice Lanzke

Klimatische Schwankungen in den vergangenen tausend Jahren haben vermutlich die Neigung der geschwungenen Dächer traditioneller Gebäude in China beeinflusst. So lautet das Ergebnis einer Studie chinesischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler im Fachblatt Science Advances. In kälteren Zeiten bauten die Menschen demnach steilere Dächer, auf denen Schnee besser abrutschen konnte. Den Forschenden zufolge veranschaulicht ihre Untersuchung, wie menschliche Kulturen im Laufe der Jahrhunderte gelernt haben, sich an die Auswirkungen von Klimaveränderungen auf ihr tägliches Leben anzupassen.

Die chinesische Zivilisation als eine der ältesten der Welt hat zahlreiche Klimaveränderungen erlebt, die Landwirtschaft, Bevölkerung und Wirtschaft beeinflusst und sogar zu Kriegen, Aufständen und dem Aufstieg und Fall von Dynastien beigetragen haben, erläutern die Wissenschaftler um Siyang Li von der chinesischen Nanjing-Universität in ihrer Studie. Bisher sei jedoch unklar gewesen, ob und wie sich diese Veränderungen auch auf die Architektur ausgewirkt hatten, obwohl ein solcher Zusammenhang gerade mit Blick auf die Gestaltung von Dächern naheliege: Diese schützten Menschen vor Regen, Schneefall oder Sonnenlicht und stellten so die klimaempfindlichsten, anfälligsten und exponiertesten Teile von Gebäuden dar.

Die Reaktion der Menschen auf die sinkenden Temperaturen dauerte 30 Jahre

Das Forscherteam untersuchte nun, wie sich das schwankende Klima im vergangenen Jahrtausend auf die Gestaltung der traditionellen geschwungenen Dächer auswirkte. Dafür rekonstruierten die Wissenschaftler die Dachneigungen architektonischer Überreste im nördlichen Teil Zentral- und Ostchinas, einer für die traditionelle chinesische Kultur bedeutenden Region, die häufigen Klimaschwankungen ausgesetzt war. Zudem analysierte das Team hochauflösende paläoklimatische Daten der vergangenen tausend Jahre.

Die folgende Analyse ergab, dass niedrige Temperaturen die Dachneigung mit einer Verzögerung von etwa 30 Jahren steiler werden ließen. Wie die Autorinnen und Autoren schreiben, hätten frühere Studien bereits eine ähnliche Verzögerung in der menschlichen Reaktion auf klimatische Veränderungen gezeigt.

Konkret beobachteten die Wissenschaftler, dass die Dächer in kalten Perioden steiler wurden, konkret in den Jahren zwischen 1100 und 1200 nach Christus sowie während der Kleinen Eiszeit zwischen 1300 und 1750 nach Christus. In warmen Perioden habe die Dachneigung hingegen deutlich abgenommen, so etwa zwischen 1200 und 1300 nach Christus, was in etwa zur mittelalterlichen Warmzeit in Europa passe.

Als besonders anschauliches Beispiel für den beschriebenen Zusammenhang nennen die Forscher den Longmen-Tempel in Pingshun in der Provinz Shanxi. Vier seiner fünf Hauptgebäude seien zu verschiedenen Warm- und Kaltzeiten zwischen 925 und 1504 nach Christus gebaut oder wiederaufgebaut worden. Historischen Baunormen jener Zeit entsprechend sollten diese vier Gebäude eine fast identische Dachneigung von etwa 27 Prozent haben. "Die beiden in der Kaltzeit errichteten Gebäude wiesen jedoch mit 29,67 Prozent und 30,50 Prozent steilere Dächer auf, während das in der Warmzeit errichtete Gebäude mit 26,92 Prozent flacher war", stellen die Wissenschaftler fest.

Ihre Analyse gebe auch Hinweise für die Zukunft, in der die Zunahme von extremen Wetterereignissen wie starken Schneefällen, Dürren und Überschwemmungen zu ernsthaften Problemen führen dürfte, schreiben die Wissenschaftler. "Um die durch extreme Wetterereignisse verursachten Verluste zu verringern, sollten die Planer das lokale Klima und die Naturkatastrophen gemäß den Klimavorhersagen sorgfältig berücksichtigen."

© SZ
Zur SZ-Startseite
Teaser_Brackel_Katastrophen

SZ PlusKatastrophen
:Alles hängt zusammen

Waldbrände am Amazonas, Kälte in Texas, eine Explosion in Beirut und die Pandemie: Katastrophen nehmen weltweit nicht nur zu, sie verstärken sich auch gegenseitig. Was die Unglücke der vergangenen Jahre verbindet - und was das für die Zukunft bedeutet.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB