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Klimawandel:Die Toten der Flüsse

Ausgeufert: In Zukunft wird es noch mehr Opfer von Fluss-Überschwemmungen geben, wie hier auf den Philippinen im Jahr 2011.

(Foto: Noel Celis/AFP)
  • Immer mehr große Ströme werden in in den kommenden Jahrzehnten weltweit über die Ufer treten, schätzt ein internationales Forscherteam.
  • Dadurch werden sich die Zahlen der Überschwemmungs-Opfer sowie die wirtschaftlichen Kosten drastisch erhöhen.
  • Der entscheidende Faktor für diese Entwicklung ist der Klimawandel.

Die großen Ströme in Indien, China, Südostasien und Afrika dürften in den kommenden Jahrzehnten vielen ihrer Anwohner zum Verhängnis werden. Treten sie über die Ufer, könnte sich die Zahl der jährlichen Todesopfer drastisch erhöhen, schätzt ein internationales Wissenschaftlerteam um Francesco Dottori vom Forschungszentrum der EU-Kommission im italienischen Ispra.

Zurzeit kommen weltweit pro Jahr etwa 5700 Menschen bei Fluss-Überschwemmungen ums Leben, in Zukunft könnten es 9700 sein, wenn die Temperaturen auf der Welt bis zum Jahr 2100 um 1,5 Grad Celsius angestiegen sind, oder sogar 15 900, wenn die Erwärmung plus drei Grad erreicht. Die Zahl der direkt Betroffenen, die ihre Häuser verlieren und fliehen müssen, geht in die Millionen: Nach Berechnung der Autoren könnten aus den 58 Millionen pro Jahr heute 87 oder sogar 130 Millionen Menschen werden ( Nature Climate Change).

Der entscheidende Faktor bei dieser Berechnung ist für die Forscher der Klimawandel. Um das zu belegen, haben sie bei ihrer Computermodellierung der Zukunft die Bevölkerungszahl und -verteilung auch einmal auf dem heutigen Stand konstant gehalten: Bei drei Grad Erwärmung kam die Maschine trotzdem auf 120 Millionen Betroffene und gut 15 000 Todesopfer.

Am Rhein werden die Fluten enorme Kosten verursachen

Bei den wirtschaftlichen Folgen künftiger Überflutungen ist die Entscheidung, welchen Einfluss der Klimawandel haben wird, nicht ganz so einfach. Generell ist bei Überflutungen die Frage, ob die beobachteten Trends in Schadenstatistiken nicht eher auf die sozio-ökonomische Entwicklung zurückzuführen sind: Mehr Menschen leben am Wasser, und teure Häuser werden dort errichtet, wo früher Freiflächen für Überschwemmung waren. Jedenfalls sei die bisher beobachtete Zunahme der Flutfolgen eher auf wirtschaftliche Trends zurückzuführen, stellen Dottori und seine Kollegen fest. Für die Zukunft kalkulieren sie, dass sich die direkten Flutkosten versieben- oder auch verelffachen könnten, wenn die Temperaturen um drei Grad steigen.

Eine frühere Studie aus dem Jahr 2016 hatte sogar von einer Zunahme der globalen Kosten um einen Faktor 20 gesprochen - in Südostasien sei für die Steigerung aber praktisch ausschließlich die wirtschaftliche Entwicklung verantwortlich, in Afrika hingegen dürfte der Klimawandel der wichtigste Faktor werden. Eine solche Unterscheidung trafen die Forscher damals auch für zwei große europäische Ströme: Am Rhein dürfte eher der Klimawandel, an der Donau eher die wirtschaftliche Entwicklung eine Zunahme der Schäden bewirken.

Beide Studien zeigen, dass die größten Einbußen und die meisten Betroffenen in den Entwicklungs- und Schwellenländern Asiens und Afrikas zu verzeichnen sein werden. In Ozeanien, den beiden Amerikas und in Europa hingegen sind die absoluten Zahlen im Vergleich sehr klein. In Nordamerika etwa klettert die Zahl der Todesopfer von vielleicht 30 auf 80 pro Jahr. Ähnliche Zahlen sind für Westeuropa zu erwarten. Aber gerade Deutschland dürfte zu den Staaten gehören, welche die höchsten relativen Zuwachsraten verzeichnen: Die Zahl der Betroffenen könnte sich hier, ebenso wie in Großbritannien und Irland, mehr als vervierfachen. Die Forscher nehmen allerdings an, dass die wohlhabenden Industriestaaten genug Geld aufbringen können, um die Anwohner der Flüsse zu schützen. Für die ärmeren Länder, wo die Gefahr noch höher ist, kann das niemand garantieren.

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