Klimagipfel Kopenhagen:Leben im Jahr 2050

Lesezeit: 11 min

Wie sieht die Erde 40 Jahre nach Kopenhagen aus? Schränkt der Klimawandel das Leben drastisch ein - oder sind die gröbsten Folgen der Erderwärmung abgewendet? Zwei Szenarien.

P. Illinger und C. Schrader

Mit Blick auf die aktuelle Klimakonferenz in Kopenhagen skizzieren wir zwei radikale Szenarien für das Jahr 2050. Sie zeigen die Spannweite möglicher Entwicklungen auf der Erde. Im einen Fall (Seiten 1 und 2) scheitert ein Abkommen, und der fortschreitende Klimawandel, gepaart mit dem Wettkampf um Ressourcen und Wohlstand, zwingt der Zivilisation massive Umwälzungen auf.

Klima, dpa

Hitze, Dürre, Hurrikane: Weil es der Menschheit nicht gelungen ist, den Ausstoß von Treibhausgasen zu begrenzen, muss sie nun mit extremen Wetterereignissen leben.

(Foto: Foto: dpa)

Im anderen Fall (Seiten 3 und 4) gelingt es der Menschheit, mit dem konsequenten Umstieg auf regenerative Energie die gröbsten Folgen der Erderwärmung zu vermeiden. Keines der beiden Szenarien wird exakt so eintreten. Aber alle dargestellten möglichen Entwicklungen stammen aus Studien und Analysen anerkannter Forschungsinstitute, die im Jahr 2009 verfügbar sind.

Es ist missglückt

Die Welt hat es nicht geschafft, in einer gemeinsamen Anstrengung den Verbrauch fossiler Brennstoffe einzudämmen. Erdöl wird auf dem Weltmarkt im Jahr 2050 wie eine Grauware gehandelt. Der durchschnittliche Preis für ein Barrel liegt bei 600 Dollar. Geopolitische Spannungen bis hin zu militärischen Konflikten haben die Ölkartelle zerschlagen.

Länder, die keinen militärischen oder ökonomischen Druck auf ölfördernde Nationen ausüben können, müssen mitunter das Doppelte bezahlen. Pumpte die Welt im Jahr 2010 noch 85 Millionen Barrel pro Tag aus dem Erdboden, so liegt die Ausbeute der 2050 noch verfügbaren Quellen bei täglich 42 Millionen Barrel.

Gestiegen ist der Verbrauch von Kohle, nachdem vor allem Indien begonnen hat, die eigenen massiven Kohlevorräte zur Versorgung der mittlerweile 1,9 Milliarden Bewohner des Landes abzubauen. China hat die Technik der Kohleveredlung weiterentwickelt. Dabei wird Kohle verflüssigt und zu Benzin verarbeitet.

Der hemmungslose Verbrauch der Kohle in Asien macht die Bemühungen westlicher Industrienationen um regenerative Energiequellen wett. Hinzu kommt, dass algerische Fundamentalisten in den 2020er Jahren ein ambitioniertes europäisches Wüstenstrom-Projekt namens Desertec in der Sahara mit einer Serie von Anschlägen sabotiert haben.

Die USA haben ihren Einfluss im Mittleren Osten verloren. Am Beginn der dreißiger Jahre des 21. Jahrhunderts konnte China Saudi-Arabien und weitere Golfstaaten mit einem Pakt an sich binden. Fast gleichzeitig haben die Vereinigten Staaten den mittlerweile 80-jährigen Diktator Hugo Chavez aus Venezuela vertrieben und das Land mit seinen verbleibenden Ölvorräten faktisch besetzt.

Im Jahr 2050 ist der CO2-Gehalt der Erdatmosphäre auf 675 Teilchen pro einer Million Luftteilchen gestiegen. 2009 lag dieser Wert noch bei 385. Die 41 Jahre zuvor in Kopenhagen diskutierte und seinerzeit von Industrienationen angestrebte Begrenzung der Erderwärmung auf zwei Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit wurde bereits im Jahr 2036 überschritten.

Zudem ist eingetreten, was am Beginn des 21. Jahrhunderts nur eine Spekulation macher Forscher war: Im Zuge der fortschreitenden Erwärmung haben sich die riesigen Permafrostböden Sibiriens und Kanadas in Matschwüsten verwandelt. Dabei ist überraschend viel im Erdreich gebundenes Methan ausgebrochen.

Die Treibhauswirkung von Methan ist zwanzigmal so stark wie die von Kohlendioxid. Dadurch hat sich der Treibhauseffekt der Erdatmosphäre stärker erhöht, als es die Computermodelle der Klimaforscher am Beginn des 21. Jahrhunderts vorgesagt hatten.

2050 ist die Erdatmosphäre im Durchschnitt 3,4 Grad wärmer, als es vor Beginn der Industrialisierung der Fall war, und 2,6 Grad wärmer als am Beginn des 21. Jahrhunderts. Klimaforscher befürchten nunmehr, dass sich diese Entwicklung exponentiell fortsetzt. Bis 2100 dürfte der Planet sich um weitere fünf Grad aufheizen.

Die globale Erwärmung verteilt sich regional unterschiedlich. Die Arktis und das Nordpolarmeer beispielsweise sind im Jahr 2050 bereits durchschnittlich fast acht Grad wärmer als 150 Jahre zuvor. Eisbären und viele weitere Tierarten sind ausgestorben. In Europa hält die Schweiz den Wärmerekord mit durchschnittlich 5,5 Grad mehr als vor der Industrialisierung.

Rein klimatisch gesehen könnten die Deutschen die Entwicklung genießen. Brandenburg ist ein ertragreiches Weinanbaugebiet geworden. Die bayerischen Seen, umringt von Rosmarin und Salbeibüschen, taugen bis in den Oktober hinein als Badegewässer. Die Alpen sind nur noch im Sommer attraktiv. Bis auf wenige extreme Hochlagen kann kaum noch ein Alpenort mit Schnee aufwarten.

Abgesehen davon sind mehrere alpine Täler nach Gletscherschmelzen und daraus folgenden Erdrutschungen unpassierbar geworden. Ein findiger Hersteller hat ein Rollbrett für Grashänge entwickelt, das ähnlich viel Spaß macht wie das am Beginn des 21. Jahrhunderts beliebte Snowboard.

Ernste Probleme entstanden in den 2030er und -40er Jahren an den Küsten Deutschlands, nachdem sich zeigte, dass zwar dem Anstieg des Meeresspiegels auf nunmehr 68 Zentimeter mit Deichen und Dämmen zu begegnen ist, aber die Zahl extremer Sturmfluten bedrohlich zunahm.

Warum Millionen Menschen klimabedingt ihre Heimat verlassen müssen - und wohin es sie zieht, lesen Sie auf der nächsten Seite.

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