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Klatsch und Tratsch:Über Regelbrecher wird besonders gern getratscht

Doch Studien zeigen ebenso wie die Lebenserfahrung: Über Regelbrecher, selbstsüchtige, unkooperative und manipulative Menschen wird besonders gern geklatscht. Wer andere um ihr Geld bringt, muss damit rechnen, dass sein anrüchiges Verhalten bald die Runde macht. Und die Angst davor kann abschreckend genug wirken, um Hinterlist und Betrug zu verhindern.

Die Frage ist nur: Wie glaubwürdig ist das Gerede? Schließlich haben Gerüchte oft eine lange Reise hinter sich, und das "Stille-Post-Phänomen" gilt auch für Klatsch und Tratsch. Das bestätigt auch Milinskis Forschung: "Bei jeder Runde geht ein Drittel der Information verloren", sagt der Evolutionsökologe. Doch diese Unzuverlässigkeit stört das Gehirn offenbar kaum. Von Geschichten, auch wenn sie womöglich unwahr sind, lässt es sich stärker beeindrucken als von überprüfbaren Fakten.

Ob die zwei neuen Mitglieder des Tennisclubs endlich zusammengefunden haben, merken sich die meisten Menschen leichter als die Namen der beiden. "Klatsch befriedigt die Gefühle ähnlich, wie es Literatur vermag", schrieb der Psychologe Eric Foster vor einigen Jahren im Review of General Psychology.

Dabei kann die Vorliebe für Geschichten und Gerüchte beinahe unheimliche Ausmaße annehmen, wie die Plöner Wissenschaftler in einem Versuch festgestellt haben. Sogar wenn ihre Probanden wussten, dass eine Information über die Fairness des Gegners manipuliert war und nicht der Realität entsprach, vertrauten sie den Geschichten - und zwar selbst dann, wenn sie sich mit eigenen Augen davon überzeugt hatten, dass die übermittelten Fakten falsch sein mussten. "Das ist befremdlich", sagt Milinski, "vielleicht nimmt man unterbewusst an, der Informant weiß mehr als man selbst."

Spätestens hier kommt die dunkle Seite des Klatsches ins Spiel. Schließlich kann er Gruppen nicht nur zusammenhalten und zur Hilfsbereitschaft animieren, sondern auch manipulieren und einen Ruf ebenso dauerhaft wie unberechtigt zerstören. Schmal ist der Grat zwischen nützlichem Klatsch und bösem Gerede. Doch am Plöner Max-Planck-Institut haben die Gruppen-Experimente Hinweise auf eine Art Schutzmechanismus entdeckt, der möglicherweise davor bewahrt, den größten Quatsch blindlings zu glauben. "Starken Über- oder Untertreibungen in den Geschichten über andere Menschen haben die Probanden nicht vertraut", sagt Milinski. "In der Regel glaubten sie der Mehrheitsmeinung."

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