Klang-Ökologie:Großer Lauschangriff im Wald

Lesezeit: 4 min

A tree frog croaks in a lake near Zhdanovichi

Mit seinem Quaken hilft dieser Frosch Bio-Akustikern bei der Bestimmung der Artenvielfalt

(Foto: Vasily Fedosenko/Reuters)

Fiepen, Plätschern, Summen, Krächzen: Der Klang der Natur ist eine Schatzgrube für "Bio-Akustiker". Die Forscher verwanzen die Natur - um sie besser zu verstehen.

Von Hubertus Breuer

Wie stumme Wächter stehen die Metallstangen mit Richtmikrofonen nahe dem Ufer des Kummerower Sees in Mecklenburg-Vorpommern. Sie lauschen dem Wind, der durch das Schilf raschelt, dem trommelnden Regen, einem gelegentlich vorüberziehenden Flugzeug und zur Brutzeit dem auf- und abschwellenden Konzert von Schwirlen, Bart- und Beutelmeisen, Rohrsängern, Flussseeschwalben. Nachts schweigen die Tiere dann, erwartet man, doch das tun sie nicht: Durch die Landschaft klingen die Rufe der Rohrdommeln wie dumpfe Herzschläge, Wasserrallen tickern und quieken, Frösche quaken.

Echt romantisch. Aber der Bioakustiker Karl-Heinz Frommolt, der das Tierstimmenarchiv im Berliner Museum für Naturkunde betreut, hat keine Zeit Hunderte Stunden von Naturklängen abzuhören, die er mit seiner Arbeitsgruppe seit fünf Jahren auf den Renaturierungsflächen des Moores gesammelt hat. Vielmehr lässt er die Audiodateien von Algorithmen durchkämmen, um akustische Spitzen anzusteuern, die einen Vogelruf verraten. So kann er gezielt etwa die Zahl der nachtaktiven Rohrdommeln ermitteln, ihre räumliche Verteilung abschätzen und dokumentieren, wie neue Arten das einst landwirtschaftlich genutzte, jetzt naturgeschützte Gebiet für sich erobern: "Erstaunlich schnell", wie er sagt. "Wir konnten sogar Nachweise für seltene Arten wie Sumpfohreule oder Zwergsumpfhuhn erbringen."

Forscher versuchen, die Vielfalt der Tierwelt erhorchen

Die Geräuschkulisse der Natur ist eine unschätzbare Informationsquelle für Ökologen. Doch erst in den letzten Jahren, seitdem Aufnahmegeräte günstiger und Computerprogramme zur Datenanalyse ausgefeilter geworden sind, wagen Wissenschaftler weltweit den großen Lauschangriff auf die Umwelt. Soundscape Ecology nennt sich das aufblühende Forschungsgebiet auf Englisch, "Ökologie der Klanglandschaft". Die Forscher nehmen nicht nur einzelne Tierstimmen auf, sondern dokumentieren komplette Klangtableaus: vom Fiepen, Krächzen und Summen der Fauna über plätschernde Bäche bis hin zum Autobahnrauschen. Das erlaubt ihnen nicht nur, versteckte Arten zu entdecken, sie lernen außerdem, wie groß die Vielfalt der hörbaren Tiere ist, wie sich ihre Stimmen dem Wetter oder dem nahezu überall lärmenden Menschen anpassen - und vor allem, wie sich der Klang der Ökosysteme über längere Zeiträume hin verändert.

Die Bedeutung der gesamten Geräuschwelt für die Wissenschaft entdeckte der frühere Musiker Bernie Krause aus Kalifornien, dessen Buch "Das große Orchester der Tiere" vergangenen Herbst auf Deutsch erschienen ist (Kunstmann, 272 Seiten; SZ vom 8.10. 2013). Sein Erweckungserlebnis hatte er im Naturschutzgebiet Masai Mara in Kenia Anfang der 1980er Jahre. Als er dort seine Mikrofone installierte und Kopfhörer aufsetzte, hörte er "keine Kakofonie, sondern ein durchstrukturiertes Zusammenspiel aller stimmfähigen Organismen (. . .) Jede einzelne Stimme schien mit ihrer akustischen Bandbreite ihren Platz zu haben."

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Der Bioakustiker Bernie Krause

(Foto: Bernie Krause)

Das überzeugte Krause von der heute allgemein akzeptierten Idee, dass akustische Räume natürliche Ressourcen sind, um die eine Vielzahl von Tieren konkurriert - mit der Folge, dass sie bestimmte Schallfrequenzen besetzen oder nur zu festen Tageszeiten rufen. Ein gesundes, über lange Zeit gewachsenes Ökosystem zeichnet sich in Krauses Augen deshalb dadurch aus, dass die Tierstimmen sich das hörbare Spektrum untereinander aufteilen, so dass es kaum zu Frequenz- oder Zeitüberlappungen kommt.

Mit spezieller Analyse-Software können Ökologen auch den Artenreichtum eines Naturfleckens einschätzen. Dabei kann das Ergebnis freilich ernüchternd sein: Zeigt sich im Spektrogramm ein großes Frequenzloch, weist das bisweilen auf eine verschwundene Art hin, wohingegen starke Überschneidungen mitunter auf invasive Arten deuten.

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