Kernkraftwerke gehen vom Netz:Wie Japan ohne Atomstrom lebt

Lesezeit: 4 min

Härtetest für Japans Energieversorgung: Vom 5. Mai an stehen alle Atommeiler still. Das Land hat keine Stromverbindung zum Festland, die Regierung hat wenig unternommen, um die japanische Energiepolitik zu reformieren. Aber die Japaner wollen das Risiko der Kernkraft nicht mehr eingehen - trotz der Warnungen vor Engpässen im Sommer.

Christoph Neidhart und Michael Bauchmüller

Der Countdown läuft, und er ist unerbittlich. Am Montag hat die Skandalfirma Tepco den Reaktor 6 im Kraftwerk Kashiwazaki-Kariwa zur Routinekontrolle abgeschaltet: den letzten von 17 Atomreaktoren des Stromkonzerns, der die Millionen-Hauptstadt Tokio versorgt. Das gab es seit 40 Jahren nicht. Am 5. Mai soll auch Tomari-3 auf der Nordinsel Hokkaido vom Netz gehen. Dann ist die fernöstliche Wirtschaftsmacht atomstromfrei - jenes Land, das bis vor einem Jahr 30 Prozent seines Stroms aus Kernkraft hergestellt hat. Kommt es jetzt zu Blackouts und Rationierung?

Kernkraft Japan Fukushima

Klicken Sie auf das Bild für eine Grafik zur Lage der Kernkraft in Japan.

(Foto: SZ-Grafik)

Bisher jedenfalls merken die Japaner den Atomausstieg kaum. Der Alltag geht weiter wie bisher. Viele Private heizen ihre nichtisolierten Häuser noch immer mit Strom, die Innenstädte, besonders die Kaufhäuser, sind so grell beleuchtet wie vor der Fukushima-Katastrophe. Während die Industrie schon lange Strom spart, verschwenden der Handel, die Behörden und die Privaten bloß weniger. Vorigen Sommer hatte die Regierung mit Sparappellen ein Verbrauchs-Minus von zehn Prozent erreicht. Bis zu jenem Tag im September, an dem sie den Appell aufhob: Da stieg der Verbrauch um mehr als sieben Prozent.

Japan hat sich in das atomstromarme Schicksal längst gefügt, und schon im Sommer stehen die nächsten Appelle an, wenn mancher in Tokio auf die Klimaanlage auch einmal verzichten sollte. Was bleibt dem Land schon übrig?

Anders als etwa in Deutschland ist Japans Ausstieg nur informell - und wiegt doch wesentlich schwerer. Deutschland gilt weltweit derzeit als der radikalste Atomaussteiger. Schon eine Woche nach dem Unglück in Fukushima gingen acht Meiler vom Netz, wenige Monate später wurden sie per Gesetz stillgelegt. Damit erzeugen noch neun Reaktoren Strom, die schrittweise bis 2022 abgeschaltet werden sollen. Als Nächstes ist 2015 Grafenrheinfeld bei Schweinfurt dran.

Doch Deutschland ist eingebettet in ein europäisches Netz: Fehlt einmal Strom, können das Nachbarstaaten ausgleichen - mitunter abermals durch Atomstrom. Der Inselstaat Japan dagegen hat keinerlei Stromaustausch mit dem Festland. Die Stabilität ihres Systems müssen die Japaner schon selbst bewerkstelligen. Derzeit kaufen sie dazu massiv Gas ein, um fossile Kraftwerke damit zu befeuern. Damit nicht genug, ist auch das japanische Netz in sich gespalten: Der Osten des Landes arbeitet mit einer Schwingung von 50 Hertz, wie sie auch in Europa üblich ist. Im Westen Japans dagegen liegt die Schwingung bei 60 Hertz - das erschwert den Stromaustausch sogar innerhalb des Landes.

Auch Tepco hat inzwischen eingemottete Öl- und Kohlekraftwerke reaktiviert. Das aber geht am Strompreis nicht spurlos vorbei. Wegen des teuren Öls und ihrer geringen Effizienz produzieren die Kraftwerke sehr teuer. Der schwedische Experte Tomas Kåberger schätzt, die Kilowattstunde aus diesen Anlagen koste Tepco 40 bis 50 Yen, umgerechnet 36 bis 45 Cent. Zum Vergleich: Europas Strom kostet an der Leipziger Strombörse derzeit in der Spitze vier Cent je Kilowattstunde - damit ist er billiger als in den Tagen vor der Reaktorkatastrophe.

Japan ist weit von einer Energiewende entfernt

Von einer Energiewende aber ist Japan immer noch weit entfernt. Tepco etwa investiert nach wie vor nicht in alternative Energie; die andern AKW-Betreiber ebenso wenig. Auch die Regierung hat wenig unternommen, um die japanische Energiepolitik zu reformieren. Weder wurde der Strommarkt liberalisiert, noch trennte Tokio den Betrieb der Stromnetze von dem der Kraftwerke. Private Initiativen wie jene des Internet-Unternehmers Masayoshi Son, der auf eigene Kosten Solarkraftwerke bauen will, wenn Präfekturen das Land zur Verfügung stellen, werden von Regierungsstellen behindert oder sogar sabotiert.

Dabei bescheinigte sogar das japanische Umweltministerium im vorigen Jahr ein Potential von knapp 900 Gigawatt Ökostrom-Kapazität, vor allem aus Windkraft. Zum Vergleich: Kernkraftwerke dort kommen auf eine Nennleistung von 50 Gigawatt. Nur bleiben die Potentiale weitgehend ungenutzt.

Auch die Regierung warnt, in den Spitzenzeiten des kommenden Sommers würden Japan etwa zehn Prozent Strom fehlen, vor allem in Kansai mit den Großstädten Osaka, Kyoto und Kobe und in Kyushu. In diesen Regionen war der Anteil des Atomstroms höher als in Tokio. Sparbefehle aber werde es diesmal nicht geben, sagt Handels- und Industrieminister Yukio Edano. Gerüchte, Tepco habe die Stromknappheit voriges Jahr übertrieben, um die Menschen von der Notwendigkeit der Kernkraft zu überzeugen, gibt es jetzt schon. Und sicherlich gibt es auch Überkapazitäten am japanischen Strommarkt.

Ohnehin waren nie alle 54 Atomreaktoren gleichzeitig am Netz, auch früher gab es Zwischenfälle und Revisionen. Kashiwazaki-Kariwa etwa stand zweimal längere Zeit still. 2002 ordnete Tokio "zur Strafe" einen Betriebsstopp aller sieben Reaktoren an, weil Tepco Wartungsprotokolle gefälscht hatte. Nach dem Chuetsu-Erdbeben 2007, bei dem die Anlage nur mit großem Glück einer Katastrophe entging, blieben sie 21 Monaten abgeschaltet.

Die Industrie aber will sich mit dem nuklearen Stillstand nicht abfinden. Schon warnt der Unternehmerverband Keidanren, Sprachrohr der Stromwirtschaft, vor "ernsthaften Schwierigkeiten". Ohne Atomkraft werde die Industrie vermehrt Produktionslinien ins Ausland verlagern. Allerdings sprachen sich zuletzt auch 400 kleinere und mittlere Unternehmer gegen das rasche Wiederanfahren der Kernkraftwerke aus: "Wir werden Alternativen für eine gesündere Entwicklung ohne Atomenergie vorschlagen." Ohnehin belaste eher der starke Yen das Exportgeschäft als teurer Strom.

Wie es nun weitergeht mit der Kernkraft in Japan, weiß niemand.

Fukushima I mit seinen sechs Reaktoren wird nie mehr ans Netz gehen, auch die intakt gebliebenen Blöcke 5 und 6. Fukushima II mit vier Einheiten ist knapp einer Katastrophe entgangen, liegt aber in der Sperrzone um Fukushima I. Alles andere liegt nun in der Hand der örtlichen Politik. Das Gesetz verlangt für das Anfahren eines abgeschalteten Reaktors die Einwilligung der "lokalen Behörden" - auch dann, wenn ein Atomkraftwerk nur für Wartungsarbeiten abgeschaltet wurde; solche Revisionen stehen alle 13 Monate an. Da wären etwa die Reaktoren Oi-1 und Oi-2 frisch gewartet und überprüft. Doch der Gouverneur der zuständigen Präfektur Fukui, Issei Nishikawa, will vorher von der Zentralregierung wissen, welche Lehren sie aus Fukushima gezogen habe. Außerdem wollen die Nachbarpräfekturen Kyoto und Shiga nun auch mitreden. Schließlich reicht die neu definierte 30-Kilometer-Risikozone um Oi bis in ihre Gebiete.

Dieses Risiko aber mögen viele Japaner gar nicht mehr.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB