Insektenbekämpfung Zucker als Waffe gegen Termiten

Termiten richten weltweit Schäden in Höhe von vielen Milliarden Euro jährlich an.

(Foto: Katja Schulz / Flickr / CC-by-2.0)

Sie fressen Balken, Geldscheine, Gerichtsakten und vieles mehr: Termiten können eine massive Plage sein. Um die Tiere zu bekämpfen, werden bisher gefährliche Insektizide eingesetzt. Nun könnte eine zuckerähnliche Substanz Abhilfe schaffen.

Von Andrea Hoferichter

Keine Frage, Termiten sind naturbegabte Architekten. Aus Erde, Kot und Wasser bauen sie schlanke, haushohe Türme und ausgedehnte Hügel mit ausgetüftelten Lüftungssystemen. Doch vor menschgemachter Baukunst haben sie nur wenig Respekt. Sie verschlingen Schwellenhölzer, Ständerwerk und Dachsparren, denn Holz steht auf ihrem Speiseplan ganz oben. Auch über Zuckerrohr-, Tee- und Kaffeeplantagen sowie über Geldscheine und Gerichtsakten sollen die vegetarisch lebenden Insekten schon hergefallen sein. Die wirtschaftlichen Schäden betragen weltweit viele Milliarden Euro jährlich.

Als Gegenmittel kommen in der Regel giftige, in manchen Ländern auch krebserregende Insektizide zum Einsatz, die sich in der Natur anreichern können.

Dino McMahon, Biologe an der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM) und Professor an der Freien Universität Berlin, testet deshalb eine umweltfreundliche Alternative. Der Wirkstoff basiert auf der zuckerähnlichen Substanz "Glucono-1,5-lacton" (GDL), die auch als Zusatzstoff E 575 in verschiedenen Lebensmitteln und Backpulvern steckt. Das Mittel schwächt die Abwehrkräfte der Termiten gegen Bakterien und Pilze und hat sich in ersten Untersuchungen schon bewährt. "Sprüht man eine Mischung aus GDL und einem Pilz auf befallenes Holz kann man ganze Kolonien vernichten", sagt McMahon. Die Forscher setzen Pilze der Gattung Metarhizium ein, die in praktisch allen Böden der Welt zu Hause sind. Und sie können für ihre Tests auf eine Art Termitenzoo im BAM-Keller zurückgreifen, wo sich Millionen weißliche, geflügelte Vertreter der fast 30 gefräßigsten Arten in mit Erde und Holz gefüllten Kästen tummeln.

Flüssiger Stickstoff oder Elektroschocks zur Bekämpfung

Weltweit gibt es etwa 3000 Termitenarten, von denen die meisten entweder in Erdnestern oder, im Fall der sogenannten Trockenholztermiten, direkt im Holz leben. Sie sind vor allem in subtropischen und tropischen Regionen zu Hause, aber auch in den USA und in den Mittelmeerländern. In Deutschland geben sie nur vereinzelte Gastspiele. "Dass Termiten hier ständiger Bestandteil der Fauna werden, ist trotz des Klimawandels in naher Zukunft nicht zu erwarten", sagt McMahons Kollege Rüdiger Plarre. Wenige Tage Frost reichten aus, um sie zu vernichten.

Nur in Hamburg-Altona konnten sich die Insekten über viele Jahrzehnte festsetzen. Sie waren vermutlich mit Brennholz aus Nordamerika ins Land gekommen. Ein unterirdisch schlecht isoliertes Fernwärmenetz sorgte für die überlebensnotwendige Wärme. Mit Giftködern und Rohrrenovierungen wurde dem Bestand 2010 schließlich der Garaus bereitet. Zwar reisen immer mal wieder Termiten als blinde Passagiere etwa in exotischen Pflanzen oder Tropenholzmöbeln ein. "Bei den allermeisten Meldungen von vermeintlichen Termitensichtungen handelt es sich aber um Ameisen", so Plarre.

Die Liste möglicher Gegenmittel ist lang. Am gebräuchlichsten sind Insektizide und Giftköder. Bei einem örtlich eng begrenzten Befall durch Trockenholztermiten können die Insekten auch mit heißer Luft oder mit fast minus 200 Grad Celsius kaltem, flüssigem Stickstoff bekämpft werden. Allerdings müssen die befallenen Räume dazu in der Regel geräumt werden. Manche Fachbetriebe setzen auch Mikrowellentechnik oder Elektroschocks zum Aufheizen ein. Gegen Termiten in unbehandeltem Holz gibt es zudem ein Mittel, das Verdauungsenzyme lahmlegt. Die Insekten verhungern dann bei vollem Leib.

Die Substanz blockiert die Kommunikation unter den sozialen Insekten

Schon 2009 berichteten US-amerikanische Forscher im Fachblatt PNAS, dass auch das Lacton GDL als Antitermitenmittel taugen könnte. Die Substanz blockiert einen Eiweißstoff, den die Insekten in ihre Nester einbauen und der wie ein Sensor krank machende Keime detektiert, diese zerkleinert und als eine Art Blaupause freisetzt. So können die Termiten ihr Immunsystem rechtzeitig schärfen. Wie McMahons Tests zeigen, führt die GDL-Gabe außerdem dazu, dass soziale Warnmechanismen nicht mehr funktionieren. "Termiten sind sehr soziale Insekten. Sie tauschen unter anderem beim gegenseitigen Füttern Informationen aus, wo eine Bedrohung für sie ist und wo sich infizierte Nestbewohner befinden", erklärt der Forscher. Dann reinigen sie Haut und Panzer der befallenen Artgenossen oder sie verspeisen sie, um die Ausbreitung der Infektion zu verhindern. Wurde GDL versprüht, waren solche Aktionen seltener zu beobachten.

Als nächstes will Dino McMahon das Mittel in weiteren Testreihen an Gruppen aus je 1000 Termiten verabreichen und die perfekte Dosis für den Einsatz ermitteln. "Für die Versuche haben wir uns aus Frankreich ein paar wilde Termitenkolonien dazu geholt. Für solch ein Großprojekt gibt es nicht einmal hier genügend Tiere", sagt der Biologe.