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Indien:Zahl der Malaria-Todesopfer erheblich unterschätzt

In Indien sterben offenbar dreizehn Mal mehr Menschen an Malaria als bislang angenommen. Während die WHO von 15.000 Toten jährlich ausgeht, spricht ein internationales Forschungsteam von 205.000 Opfern.

In Indien sterben möglicherweise dreizehnmal mehr Menschen an Malaria als bisher angenommen. Darauf deutet eine Studie hin, die ein internationales Wissenschaftlerteam im Fachmagazin Lancet veröffentlicht hat.

In Indien sterben möglicherweise erheblich mehr Menschen an Malaria als bislang angenommen.

(Foto: AFP)

Statistiken der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gingen nur von den in Kliniken registrierten Fällen aus und seien damit unvollständig, heißt es in einer Studie.

Repräsentative Befragungen in betroffenen Familien zeigen jedoch, dass landesweit jedes Jahr nicht rund 15.000 Menschen an Malaria sterben, wie die WHO annimmt. Vielmehr würden etwa 205.000 Inder unter 70 Jahren Opfer der Krankheit. Der Unterschied ließe sich dadurch erklären, dass viele Malaria-Todesfälle von den Behörden unbemerkt außerhalb der Krankenhäuser auftreten.

Die Wissenschaftler hatten in zufällig ausgesuchten Gebieten Indiens die Familienmitglieder von Gestorbenen sowie andere Zeugen von Todesfällen zwischen 2001 und 2003 befragt. Anhand der beschriebenen Symptome wie Fieber versuchten sie Malaria als mögliche Todesursache zu identifizieren.

Für die Studie waren Experten aus Indien, Kanada, Großbritannien und den USA 75.000 Todesfällen aus den Jahren 2001 bis 2003 nachgegangen. Angehörige wurden nach den Symptomen und dem Verlauf der Krankheit bei den inzwischen Verstorbenen gefragt. 90 Prozent der Betroffenen hatten in ländlichen Regionen gelebt und 86 Prozent von ihnen waren nie in einer Klinik gewesen. In 3,6 Prozent der untersuchten Fälle sei Malaria als Todesursache wahrscheinlich, berichten die Fachleute.

Auf ganz Indien hochgerechnet, ergebe dies eine Zahl zwischen 125.000 und 277.000 jährlich. Vor allem die Mortalität unter Erwachsenen sei bisher stark unterschätzt worden, sagte Prabhat Jha, Leiter des Instituts für Globale Gesundheitsforschung an der Universität Toronto und einer der Autoren der Studie. Die Strategien zur internationalen Bekämpfung der Krankheit müssten daher möglicherweise grundlegend überdacht werden.

Die WHO zeigte sich zunächst skeptisch. Robert Newman vom Malariaprogramm der Organisation kritisierte vor allem die Methode, zur Datenerhebung Laien zu befragen: "Ohne ergänzende Nachweise können die Ergebnisse der Studie nicht anerkannt werden." Das Problem sei, dass Symptome, die mit Malaria zusammenhängen, etwa Fieber, sehr unspezifisch seien.

Viele Opfer mit Fieber könnten an etwas anderem gestorben sein als Malaria, erklärte Newman ScienceNow, dem Nachrichtenportal der American Association for the Advancement of Science (AAAS). Die WHO, so Newman, habe bereits überprüft, wie gut die Methode, die Angehörigen zu befragen, funktioniere. Lediglich etwa vier Prozent derjenigen, die geglaubt hatten, Malaria zu diagnostizieren, hatten sich nicht getäuscht.

Trotzdem sei die Schätzung der Wissenschaftler seriös, sagt Bob Snow vom Kenya Medical Research Institute laut ScienceNow. Eine solche Studie, so hofft er, zwinge die Wissenschaftler, die weltweite WHO-Statistik zu Malaria zu überdenken -insbesondere für Regionen mit hoher Populationsdichte wie Bangladesch oder Pakistan.

Unbestritten ist, dass Malaria für Indien ein großes Problem darstellt. Das feuchte Klima und die häufig beengten Wohnverhältnisse sind ein idealer Nährboden für den durch Mückenstiche übertragenen Erreger. Bei rechtzeitiger Behandlung ist die Krankheit heilbar, unbehandelt kann sie vor allem für Kinder tödlich enden.