bedeckt München 21°

Aids:Der "Berliner Patient" ist tot

Timothy Ray Brown

Brown auf einem Archivfoto von 2011.

(Foto: Eric Risberg/AP)

Timothy Brown galt als erster geheilter HIV-Infizierter. Weltweit ist die spektakuläre Therapie bisher nur zweimal geglückt. Nun ist Brown an Leukämie gestorben.

Von Werner Bartens

Der "Berliner Patient" ist tot. Der 54-jährige Timothy Ray Brown galt als erster Mensch, der von HIV geheilt wurde. Brown sei am 29. September in seinem Haus im kalifornischen Palm Springs an Leukämie gestorben, teilte sein Partner Tim Hoeffgen mit. "Timothy würde gerne als ein Mann in Erinnerung bleiben, der Menschen auf der ganzen Welt Hoffnung gegeben hat, dass HIV geheilt werden kann", wird Hoeffgen von der New York Times zitiert.

Brown hatte sich als Student in Berlin 1995 mit HIV infiziert. Nachdem er später an Leukämie erkrankte, unterzog er sich 2007 an der Charité einer experimentellen und als riskant eingestuften Stammzelltransplantation. Als Therapie gegen seinen Blutkrebs fanden die Berliner Ärzte um Gero Hütter einen Spender mit besonderen Eigenschaften: Ihm fehlten spezifische Rezeptoren auf der Zelloberfläche. Über diese Andockstelle kann das HI-Virus in Körperzellen eindringen. Durch eine seltene Genmutation zeigen weniger als ein Prozent der Bevölkerung diese Auffälligkeit, sodass sie nicht an Aids erkranken.

Seit dem Eingriff konnte das Virus nach Angaben der behandelnden Mediziner nicht mehr im Blut von Brown nachgewiesen werden. Brown hatte den 6. Februar 2007, an dem die Stammzelltransplantation stattfand, später als sein "neues Geburtsdatum" bezeichnet. Er siedelte wieder in die USA über. 2015 kam dann die Leukämie zurück.

Allerdings gab es nach der experimentellen HIV-Therapie immer wieder Rückschläge und Komplikationen. Brown benötigte bald nach der ersten Behandlung erneut eine Stammzelltransplantation. Bei diesem Eingriff wird das "alte" Knochenmark durch Chemotherapie und Bestrahlung zerstört. Der Patient litt an Pneumonien und bekam eine Sepsis. Anschließend musste er dauerhaft Medikamente nehmen, die das Immunsystem unterdrücken. Nach einer Biopsie trug er neurologische Schäden davon und wurde fast blind; ein Überfall verschlimmerte die Symptome. Einige Forscher bezweifelten zudem, dass im Rahmen der weltweit gefeierten "Heilung" tatsächlich alle HI-Viren dauerhaft verschwunden seien.

Weil Spender mit der Mutation so selten sind und der Eingriff als aufwendig und riskant gilt, wiederholten Ärzte ihn seitdem nur wenige Male. Im Frühjahr 2020 wurde eine zweite HIV-"Heilung" vermeldet. Der "Londoner Patient", ein 40-Jähriger aus Venezuela, hatte sich einer ähnlichen Therapie unterzogen und war zu dem Zeitpunkt frei von HIV, obwohl er seit drei Jahren keine Medikamente mehr einnahm.

Die Behandlung kommt nur für eine kleine Zahl von HIV-Infizierten überhaupt infrage. Sie zeigt allerdings, was theoretisch - und in Einzelfällen auch praktisch - möglich ist. "Wenn etwas im medizinischen Sinn schon einmal passiert ist, kann es noch mal passieren", hatte Brown gesagt, als er sich zwischenzeitig von seinen Leiden und den eingreifenden Therapien erholt hatte. Der ursprünglich lediglich unter dem Pseudonym "Berliner Patient" bekannte Brown hatte sich später entschieden, mit vollem Namen als HIV-Aktivist aufzutreten.

© SZ
Baron Peter Piot

SZ Plus Epidemiologie
:Der Virenjäger

Der belgische Arzt Peter Piot weiß, wie schnell Viren außer Kontrolle geraten können. Der Mikrobiologe hat erfolgreich Ebola und HIV bekämpft. In der Corona-Krise kann man von ihm lernen.

Von David Pilling
Zur SZ-Startseite