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Hirnforschung: Buch von Oliver Sacks:Unbehaglicher Sound

Doch mit fortschreitender Lektüre bereitet gerade dieser Sound ein Unbehagen. So verdienstvoll es ist, die Plastizität des Gehirns und die Anpassungsfähigkeit von Menschen zu feiern, so unglaubwürdig ist es, so zu tun, als ließe sich jede Art von Gehirnzerfall mit etwas Haltung meistern. "In ihrer Kunst, ihrer Musik aber bewältigte Lilian ihre Krankheit nicht nur, sondern gelangte über sie hinaus", schwärmt hingegen Sacks. Ihre Fallgeschichte endet mit der Beschreibung eines Haydn-Konzerts, in dem Lillian Kallir nach anfänglicher Verwirrung zu künstlerischer Vollendung findet: "Als das Quartett zu den auflösenden Schlussakkorden kam, sagte sie einfach: ,Alles ist vergeben'." So deutet Sacks die schwere neurologische Erkrankung als nette Chance zum inneren Wachstum.

Aufrichtig wäre es gewesen, wenn Sacks den Leser darüber informiert hätte, dass Kallir wenige Jahre später genauso elend sterben wird wie jeder Alzheimerpatient bislang. Doch von Leiden, Tod, Verzweiflung, Tränen, Bitternis, Tragödien erfährt der Leser erst einmal wenig. Patientin Patricia schien nach ihrer schweren Gehirnblutung zwar eine Zeitlang zornig und frustriert zu sein, dass sie nicht mehr sprechen und kaum noch verstehen konnte. Doch wenige Seiten später hat sie heiter kompensiert:

Sprachverlust? Ausgeglichen durch "die Virtuosität, mit der sie sich selbst durch Gestik und Mimik ausdrückt" - und Tochter Dana jubelt: "Nichts hat sich durch ihren Schlaganfall geändert." Ähnlich beim alexischen Autor Howard Engel: Er bewog seinen Lektor einfach dazu, ihm alle Texte vorzulesen, sodass er sich diese merken und im Geiste arrangieren konnte - so hatte er "eine Möglichkeit gefunden, ein Homme de Lettres zu bleiben", freut sich Sacks und predigt sein Mantra: "Dass ihm das gelang, ist ein Beweis (...) für die Anpassungsfähigkeit des menschlichen Gehirns." Irgendwann mag man es nicht mehr hören.

Vielleicht erklärt das auch einen Teil des Erfolgs von Sacks Büchern. Er verbreitet keine Angst, so wie andere Autoren, die sich mit ähnlichen Sujets beschäftigen - etwa Paul Broks in seinem weitaus eindringlicheren Werk: "Ich denke, also bin ich tot - Reisen in die Welt des Wahnsinns." (Beck Verlag, 2004) Oliver Sacks präsentiert seine exotischen Störungen wie tropische Schmetterlinge, die man auf Nadeln spießt und unter Glas legt: nett anzuschauen, kommen aus einer anderen Welt, betreffen mich nicht.

Man würde "Das innere Auge" fast schon verärgert zur Seite legen, wenn nicht Oliver Sacks nach gut der Hälfte einen völlig neuen Ton anschlagen würde: Dann nämlich berichtet er über seine eigenen Erlebnisse, als er im Kino plötzlich ein Flimmern im linken Auge bemerkt, dass sich dann als Symptom eines bösartigen Augentumors erweist. "KREBS, KREBS, KREBS ...brüllt dann eine Stimme in seinem Kopf; und los geht die übliche Tortur von Test und Operationen, Todesangst und neuer Zuversicht, zeitweiser Blindheit auf einem Auge.

Sacks beschreibt seine mehrjährige Krankengeschichte in Form eines Tagebuchs im weitaus längsten Kapitel des Buches. Und endlich gewinnt der Leser einen Eindruck davon, dass neurologische Krankheit nicht nur eine sportliche, eigentlich immer zu bewältigende Herausforderung ist, sondern brutale Kontingenz. Ob Oliver-Sacks-Fans das gerne lesen wollen?

OLIVER SACKS: Das innere Auge. Neue Fallgeschichten. Aus dem Englischen von Hainer Kober. Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2011. 282 Seiten, 19,95 Euro.

© SZ vom 29.04.2011/mcs
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