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Hirnforschung: Buch von Oliver Sacks:An den Grenzen der Heiterkeit

Fortsetzungen gehen häufig schief; weil die besten Ideen zum Thema meist schon im Erstlingswerk verbraten wurden. Unter diesem Problem leidet auch Oliver Sacks neues Buch. Interessant wird es, wo der Neurologe seine eigene Krankengeschichte erzählt.

Christian Weber

Das Unglück der Blockbuster, sei es im Kino oder in der Buchhandlung, liegt darin, dass sie Fortsetzungen nach sich ziehen. Diese gehen schon bei Filmen häufig schief; denn natürlich hat der Regisseur seine besten Ideen und Geschichten zum Thema meist schon im Erstlingswerk verbraten; und auch die Botschaft überrascht in den weiteren Folgen nicht - wo Terminator draufsteht, soll Terminator drin sein.

Neurologist Dr. Oliver Sacks Speaks At Columbia University

Oliver Sacks 2009 an der Columbia University, New York. Ein Teil des Erfolgs seiner Bücher rührt vermutlich daher, dass er keine Angst verbreitet, sondern exotische Störungen wie tropische Schmetterlinge präsentiert, die man auf Nadeln spießt und unter Glas legt.

(Foto: AFP)

So kommt es, dass meist eine bröckelnde Zahl von Fans die zunehmend lahmenden Sequels rezipiert. Unter diesem Problem leidet auch Oliver Sacks neues Buch "Das innere Auge: Neue Fallgeschichten".

Als der britische, in New York lebende Neurologe 1985 sein Buch "Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte" veröffentlichte, wurde es ein Weltbestseller.

Seine rund 20 Fallgeschichten aus der neurologischen Praxis faszinierten die Leser; vielleicht auch deshalb, weil damals noch wenige Menschen wussten, welch bizarre Folgen für Identität und Wahrnehmung ein minimaler Hirnschlag, der fehlgeleitete Fluss von ein paar Kubikzentimetern Blut, eine Schädelverletzung, ein Tumor oder eine neurodegenerative Erkrankung haben können: Sacks erzählte vom Matrosen, dessen Gedächtnis im Zweiten Weltkrieg steckengeblieben war; von der Frau, die ihr Körpergefühl verloren hat; vom Patienten, der zwar Formen optisch erkennen, sie aber nicht mehr inhaltlich interpretieren kann - die Frau als Hut eben.

Zudem gelang es Sacks, die Leser in den Glauben zu versetzen, dass sie ihm bei Expeditionen in wirklich unerforschte Gebiete der Gehirnforschung begleiteten, in "unvorstellbare Länder" - so Sacks - "von deren Existenz wir sonst nichts wüßten". Nur einige missgelaunte Fachkollegen bemerkten spitz, dass es sich bei den beschriebenen Symptomen meist um Lehrbuchwissen handelt. Aber das musste den Leser nicht stören, der Oliver Sacks eine locker zu lesende, anekdotische Einführung in die Grundannahme der modernen Neurowissenschaft verdankt, dass alles, was wir fühlen, denken und wahrnehmen, über das Gehirn vermittelt ist - immerhin.

Trotzdem stellt sich die Frage, wieso Sacks in seinem neuen, nunmehr elften Buch diese Geschichten ein weiteres Mal erzählen muss. Wer "Das innere Auge" zu lesen beginnt, gewinnt den Eindruck, dass ein Verleger gedrängt hat, woraufhin der Autor in seinem Zettelkasten kramte.

Mit Mühe, so scheint es, hat er gerade mal vier Fallgeschichten gefunden, die er mit einem Mix aus essayhaften Passagen, kleineren Abschweifungen in die Forschung und überlangen Fußnoten garniert, die häufig eher in den Haupttext gehörten. Bei zweien der vier Fälle handelt es sich um sehr ähnliche Fälle sogenannter alexia sine agraphia: Die gefeierte Pianistin Lilian Kallir kann keine Noten mehr erkennen, aber noch musizieren; der Autor Howard Engel kann nicht mehr lesen, aber weiterhin Krimis schreiben. Patricia hat nach einer Gehirnblutung eine ganz normale Aphasie erlitten. Spannender ist da die Geschichte über "Stereo Sue", eine Neurobiologin, die erst im reifen Erwachsenenalter das dreidimensionale Sehen erlernte. Mehr als ein zweiter Aufguss früherer Werke erwartet den Leser auf weiten Strecken dennoch nicht.

Vor allem im ersten Kapitel über Kallir gelingt zumindest der typische Sacks-Sound, der den eingefleischten Fans gefallen wird: Die Musikerin litt unter einer sogenannten posterioren kortikalen Atrophie (PCA), wahrscheinlich eine seltene Sonderform von Alzheimer, bei der die Erkrankten unter Störungen des räumlichen Denkens aber lange Zeit ein relativ gutes Gedächtnis bewahren und Formen und Farben erkennen können. Sacks beschreibt, wie es seiner Patientin dennoch gelingt, ihr Leben zu organisieren, noch Jahre nach der Erstdiagnose Meisterkurse zu geben und den Alltag zu bewältigen: So hatte sie eine Karte ihre Supermarktes im Kopf und fand die gewünschte Tomatensoßenmarke, weil sie wusste, dass sie nach einem blauen Rechteck mit einem gelben Kreis darunter Ausschau halten musste. Wo ist das Problem?

Unbehaglicher Sound

Doch mit fortschreitender Lektüre bereitet gerade dieser Sound ein Unbehagen. So verdienstvoll es ist, die Plastizität des Gehirns und die Anpassungsfähigkeit von Menschen zu feiern, so unglaubwürdig ist es, so zu tun, als ließe sich jede Art von Gehirnzerfall mit etwas Haltung meistern. "In ihrer Kunst, ihrer Musik aber bewältigte Lilian ihre Krankheit nicht nur, sondern gelangte über sie hinaus", schwärmt hingegen Sacks. Ihre Fallgeschichte endet mit der Beschreibung eines Haydn-Konzerts, in dem Lillian Kallir nach anfänglicher Verwirrung zu künstlerischer Vollendung findet: "Als das Quartett zu den auflösenden Schlussakkorden kam, sagte sie einfach: ,Alles ist vergeben'." So deutet Sacks die schwere neurologische Erkrankung als nette Chance zum inneren Wachstum.

Aufrichtig wäre es gewesen, wenn Sacks den Leser darüber informiert hätte, dass Kallir wenige Jahre später genauso elend sterben wird wie jeder Alzheimerpatient bislang. Doch von Leiden, Tod, Verzweiflung, Tränen, Bitternis, Tragödien erfährt der Leser erst einmal wenig. Patientin Patricia schien nach ihrer schweren Gehirnblutung zwar eine Zeitlang zornig und frustriert zu sein, dass sie nicht mehr sprechen und kaum noch verstehen konnte. Doch wenige Seiten später hat sie heiter kompensiert:

Sprachverlust? Ausgeglichen durch "die Virtuosität, mit der sie sich selbst durch Gestik und Mimik ausdrückt" - und Tochter Dana jubelt: "Nichts hat sich durch ihren Schlaganfall geändert." Ähnlich beim alexischen Autor Howard Engel: Er bewog seinen Lektor einfach dazu, ihm alle Texte vorzulesen, sodass er sich diese merken und im Geiste arrangieren konnte - so hatte er "eine Möglichkeit gefunden, ein Homme de Lettres zu bleiben", freut sich Sacks und predigt sein Mantra: "Dass ihm das gelang, ist ein Beweis (...) für die Anpassungsfähigkeit des menschlichen Gehirns." Irgendwann mag man es nicht mehr hören.

Vielleicht erklärt das auch einen Teil des Erfolgs von Sacks Büchern. Er verbreitet keine Angst, so wie andere Autoren, die sich mit ähnlichen Sujets beschäftigen - etwa Paul Broks in seinem weitaus eindringlicheren Werk: "Ich denke, also bin ich tot - Reisen in die Welt des Wahnsinns." (Beck Verlag, 2004) Oliver Sacks präsentiert seine exotischen Störungen wie tropische Schmetterlinge, die man auf Nadeln spießt und unter Glas legt: nett anzuschauen, kommen aus einer anderen Welt, betreffen mich nicht.

Man würde "Das innere Auge" fast schon verärgert zur Seite legen, wenn nicht Oliver Sacks nach gut der Hälfte einen völlig neuen Ton anschlagen würde: Dann nämlich berichtet er über seine eigenen Erlebnisse, als er im Kino plötzlich ein Flimmern im linken Auge bemerkt, dass sich dann als Symptom eines bösartigen Augentumors erweist. "KREBS, KREBS, KREBS ...brüllt dann eine Stimme in seinem Kopf; und los geht die übliche Tortur von Test und Operationen, Todesangst und neuer Zuversicht, zeitweiser Blindheit auf einem Auge.

Sacks beschreibt seine mehrjährige Krankengeschichte in Form eines Tagebuchs im weitaus längsten Kapitel des Buches. Und endlich gewinnt der Leser einen Eindruck davon, dass neurologische Krankheit nicht nur eine sportliche, eigentlich immer zu bewältigende Herausforderung ist, sondern brutale Kontingenz. Ob Oliver-Sacks-Fans das gerne lesen wollen?

OLIVER SACKS: Das innere Auge. Neue Fallgeschichten. Aus dem Englischen von Hainer Kober. Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2011. 282 Seiten, 19,95 Euro.

© SZ vom 29.04.2011/mcs
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