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Hirnforschung:Werden technisch modifizierte Menschen zur neuen Elite?

Inzwischen haben Implantate bereits eintausend Kanäle und Kontakte, sagt Nicolelis. Sechs bis sieben dieser Ensembles könne man Rhesusaffen einsetzen, Menschen vielleicht 20. Der gelähmten Patientin Jan Scheuermann hatte die Gruppe um Andrew Schwartz aus Pittsburgh zwei Elektroden-Ensembles in den linken Motorcortex gesetzt. Die Signale führen per Kabel aus ihrem Hinterkopf zur Steuerungselektronik des Roboters.

Das könnte sich bald ändern: Am Donnerstag haben Forscher von der Brown University in Rhode Island implantierbare Elektroden vorgestellt, die ihre Signale drahtlos durch die Schädeldecke schicken. Die eigentliche Elektrode ist mit einem Prozessor und Sender von der Größe eines Herzschrittmachers verbunden, dessen Batterie sich drahtlos laden lässt. Jeweils drei Rhesusaffen und Schweine hatten die Geräte bis zu 16 Monate lang ohne Komplikationen getragen (Journal of Neural Engineering, online)

Patienten Elektroden zu implantieren, sehen die Forscher trotz aller Fortschritte als letztes Mittel an. Auch mit Elektroden auf der Haut, die dort Hirnströme wie beim EEG abgreifen, haben Wissenschaftler es bereits Gelähmten ermöglicht, Buchstaben für Briefe auszuwählen oder Lampen ein- und auszuschalten. Andere haben mit Kappen experimentiert, in denen einige Dutzend der Elektroden stecken. In vielen Labors, zum Beispiel bei Todd Colemann an der University of California in San Diego, haben gesunde Versuchspersonen damit gelernt, komplexe Geräte zu bedienen - in Colemans Fall steuerten sie ein Modellflugzeug über Getreidefelder in Illinois.

Um deutlich unauffälligere Sensoren zu entwickeln, hat der Neuroforscher sie nun in Plastikstreifen von der Größe eines Pflasters integriert. Tattoo-Elektronik nennt er sie, nach den in Wasser eingeweichten Klebebildchen, die sich Kinder auf die Wange pappen. In Colemans Version haben sie neben Sensoren für Hirnströme auch temperatur- und lichtempfindliche Bereiche sowie Antennen, um ihre Daten zu funken. Sie kleben auf der Stirn oder anderen freien Stellen der Kopfhaut. "Ich habe mehr Platz", sagte Coleman in Boston und verwies auf seine Glatze, "aber bei den meisten Menschen ist die Fläche begrenzt." Auf der Haut fallen die instrumentierten Folien kaum auf. Noch reichen die übermittelten Daten aber nicht für die Steuerung des Flugzeugs, so Coleman.

Effekte auf die menschlichen Beziehungen

Wohin es führen könnte, wenn Implantate wie bei Schwartz oder die Pflaster von Colemann einst das Gehirn direkt mit Maschinen verbinden, darüber machen sich Ethiker bereits Gedanken. Der Widerwille gegen Eingriffe ins Hirn werde nicht ewig anhalten, sagt die Neuropsychologin Martha Farah von der University of Pennsylvania, die auch bei der Tagung in Boston war. Längst hat sich die Menschheit daran gewöhnt, Hilfsmittel zu verwenden.

Selbst das Zurechtlasern der Augenlinsen ist zum Routineverfahren geworden. Schon vor mehr als zehn Jahren hatte sich der britische Forscher Kevin Warwick für die Möglichkeit begeistert, den Körper mit technischen Hilfsmitteln aufzurüsten - und zugleich vor den entstehenden Cyborgs gewarnt. Als neue Elite würden sie nicht-modifizierte Menschen so schlecht behandeln wie die heutige Menschheit Schimpansen.

"Solche Science-Fiction lenkt von den näherliegenden Problemen ab", mahnt Farah. "Wer bekommt die teuren Geräte und wer bezahlt dafür - das ist viel wichtiger." Die Gesellschaft müsse sich darüber klar werden, ob sie zulassen will, dass die Technik zunächst von Gesunden für die eigene Verbesserung genutzt wird. Denkbar ist ja, dass sich zahlungskräftige Pioniere aus welchen Gründen auch immer einen Infrarotsinn oder ein von Gedanken gesteuertes Handy in den Kopf bauen lassen wollen.

Der Theologe Brent Waters vom Garrett Seminary sorgte sich in Boston vor allem um den Effekt, den der direkte Kontakt von Gehirnen und Maschinen auf die menschlichen Beziehung haben werde. Schon heute erlaubten die verbreiteten Geräte Kommunikation über nahezu beliebige Distanzen. Und körperliche Einschränkungen würden immer weniger toleriert. "Die Schnittstellen von Gehirn und Maschine werden Distanz und Körper vollends zum Ärgernis machen. Und die Ironie ist, dass die Entwicklung mit Geräten anfängt, die Menschen mit körperlichen Problemen helfen sollen."

© SZ vom 02.03.2013
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