bedeckt München 27°

Hirnforschung:Emotionaler Lesestoff wirkt wie Musik

Buchmesse Frankfurt

Buchmesse in Frankfurt am Main. Wissenschaftler sagen, dass Lyrik Hirnbereiche anregt, die für Introspektion zuständig sind. Und emotionaler Lesestoff - ob Lyrik oder Prosa - aktiviert Regionen, die auch beim Musikhören aktiv werden.

(Foto: dpa)

Anspruchsvolle Literatur steigert die Empathiefähigkeit - zumindest für eine Weile. Und Lyrik aktiviert andere Hirnbereiche als Prosa. Die Hirnforschung zeigt: Die Grenze zwischen "E-" und "U-Kultur" existiert offenbar tatsächlich.

Alles ist Text, sagten die Postmodernisten. Ob Goethe-Gedicht, Groschenroman oder Gebrauchsanleitung spielt kaum eine Rolle, denn alles ist ja vernetzt.

Zwei neue Studien aus Neurowissenschaft und Sozialpsychologie könnten die Gattungstheorie nun aber wieder interessant machen - und die alten Grenzen zwischen "E-" und "U-Kultur" instand setzen.

Psychologen von der New School for Social Research haben in Experimenten mit 1000 Teilnehmern herausgefunden, dass Lesen die Empathiefähigkeit steigert - zumindest für eine Weile und wenn die Probanden anspruchsvolle Literatur lasen wie die von Don DeLillo oder Tschechow.

Dann konnten sie die Gefühle von Mitmenschen besser identifizieren als die Gruppe, denen man Unterhaltungsliteratur und Sachtexte zu lesen gegeben hatte.

"Gute Schriftsteller machen den Leser zum Autoren. Die Unvollständigkeit der Charaktere in anspruchsvoller Literatur bewirkt, dass man versucht, die Vorgänge im Geist von anderen zu verstehen", so ein Forscher. Literatur sei soziale Interaktion und nicht nur eine Simulation davon.

Wissenschaftler der University of Exeter zogen eine andere Trennlinie. Sie untersuchten, welche Hirnregionen aktiv wurden, wenn Probanden Lyrik oder Prosa lasen.

Das Ergebnis: Lyrik regte Bereiche an, die für Introspektion zuständig sind. Emotional aufgeladener Lesestoff beider Gattungen aktivierte Bereiche, die sonst nur beim Musikhören tätig sind.

Die Basis der Studie ist allerdings recht eingeschränkt: Die Forscher untersuchten nur 13 Freiwillige, alle Fakultätsmitglieder oder Literaturstudenten.