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Pollenflug:Früher, heftiger, länger

Pollenflug in Peking

Mit den ersten Frühlingssonnenstrahlen beginnt auch die Allergiesaison. Nicht nur in Deutschland und Europa - sondern auch wie hier in Peking.

(Foto: FRED DUFOUR/AFP)
  • Im Vergleich zu 2018 hat die Pollenflugsaison dieses Jahr zwar etwas später eingesetzt. Wegen des milden Wetters war die Belastung allerdings gleich heftiger als im vergangenen Jahr.
  • Insgesamt hat sich die Zeit, in der Pollen in der Luft sind, europaweit um etwa zwei Wochen ausgedehnt.
  • An den Messstationen werden acht Hauptallergene erfasst. Der Blütenstaub dieser Pflanzen ist Auslöser für 85 bis 90 Prozent aller Pollenallergien in Deutschland.

Den Norden Deutschlands hat es dieses Jahr als Erstes erwischt. Während der Süden noch tief verschneit war, flogen in Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Schleswig-Holstein schon im Januar die Pollen von Hasel und Erle durch die Luft und machten Allergikern zu schaffen. "Das ist im Prinzip nicht ungewöhnlich", sagt Christina Endler vom DWD-Zentrum für Medizin-Meteorologische Forschung in Freiburg. Im Vergleich zu 2018 habe die Pollenflugsaison dieses Jahr sogar etwas später eingesetzt. Dann allerdings heftig. "Die Belastung im Februar war aufgrund des milden Wetters deutlich stärker als im vergangenen Jahr", sagt Endler.

An dem warmen Wochenende am 16. und 17. Februar wurden an einigen Messstationen der Stiftung Deutscher Polleninformationsdienst (PID) Spitzenwerte von mehr als 1000 Pollen pro Kubikmeter Luft gemessen. Ebenso am darauffolgenden Dienstag, an dem ideales Pollenflugwetter herrschte: warm, trocken und leicht windig. Dabei gilt schon eine Belastung von 100 Pollen pro Kubikmeter Luft als "stark". Beschwerden können schon bei zehn Pollen pro Kubikmeter Luft auftreten.

Der PID arbeitet mit dem Deutschen Wetterdienst zusammen, der die Aufzeichnungen der Messstationen mit meteorologischen Daten kombiniert, um eine Pollenvorhersage für Allergiker zu erarbeiten. An den Messstationen werden acht "Hauptallergene" erfasst: Hasel, Erle, Esche, Birke, Roggen, Gräser, Beifuß und Ambrosia. Der Blütenstaub dieser Pflanzen ist Auslöser für 85 bis 90 Prozent aller Pollenallergien in Deutschland. Warum ausgerechnet diese Pollen so stark allergen wirken, ist nicht genau bekannt. Klar ist, dass Allergiker fast ausschließlich auf Pollen von Pflanzen reagieren, die durch den Wind bestäubt werden. Pollen von Pflanzen, die von Insekten bestäubt werden, befinden sich gar nicht in derart hohen Konzentrationen in der Luft.

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Bekannt ist auch, dass die meisten Allergiker nicht nur auf eine dieser Pflanzen reagieren, sondern auf mehrere. "Wer gegen Hasel oder Erle allergisch ist, ist es sehr wahrscheinlich auch gegen Birke", sagt Endler. Alle drei Gewächse gehören zur Familie der Birkengewächse (Betulaceae). Aufgrund ihrer Verwandtschaft enthalten ihre Samen wahrscheinlich ähnliche oder vielleicht sogar die gleichen Allergene. Dabei ist es nicht der ganze Pollen, der Allergiker schnupfen und niesen lässt, es sind Substanzen in seinem Inneren, meistens Proteine. Einige dieser Allergene sind identifiziert. Auf ein Protein namens Betv1 beispielsweise reagiert das Immunsystem, als ob es ein tödliches Virus bekämpfen müsste. Betv1 ist eines der Hauptallergene in Birkenpollen, die normalerweise im April ihr Maximum erreichen.

Dieses Jahr könnte das allerdings schon früher sein. "Wenn das milde Wetter anhält und es keinen Kälteeinbruch gibt, ist mit der Birke bereits in der letzten Märzdekade zu rechnen", sagt Endler. "Ungefähr zehn Tage früher als sonst." Solche Vorhersagen können die Experten vom DWD unter anderem aufgrund von Beobachtungen Hunderter ehrenamtlicher Helfer machen, die in regelmäßigen Abständen ein genau abgestecktes Gebiet ablaufen und notieren, wie weit die Pflanzen in ihrer Entwicklung sind und ob und wie viele von ihnen bereits blühen.

Von manchen Gewächsen werden solche Daten schon seit vielen Jahrzehnten gesammelt. Diese Langzeitbeobachtungen zeigen, dass sich der Beginn der Blüte bei vielen Arten nach vorne verschoben hat. Die Hasel beispielsweise blüht heute im Durchschnitt 15 Tage früher als noch vor 50 Jahren. Bei der Erle sind es 13 Tage früher. "Die Verschiebung ist bei den früh im Jahr blühenden Arten besonders stark", sagt Endler. Doch es gibt Anzeichen, dass sich der Zeitpunkt der Blüte auch bei Pflanzen verschiebt, die ihre Pollen erst später im Jahr produzieren, bei den Gräsern zum Beispiel.

Der Grund dafür ist der Anstieg der Temperaturen aufgrund des Klimawandels. Die Pflanzen fangen früher an zu blühen, weil es wärmer ist. Die in manchen Teilen Deutschlands erhöhte Luftfeuchtigkeit kann zudem zur Folge haben, dass die Pollen öfter aufplatzen und ihre Allergene freisetzen. Möglicherweise führt der höhere CO₂-Gehalt in der Luft auch dazu, dass Pflanzen mehr Biomasse und damit auch mehr Blütenstaub produzieren.

Für Allergiker bedeutet das alles, dass sich ihr Leid verlängert. Insgesamt hat sich die Zeit, in der Pollen in der Luft sind, europaweit um etwa zwei Wochen ausgedehnt. Wer das Pech hat, auf viele Pflanzen allergisch zu reagieren, schnupft und niest im Extremfall fast das ganze Jahr lang: Los geht es im Januar mit Hasel und Erle. Gleich danach blühen Birke und Esche. Im Mai und Juni folgen die Gräser, und die Polen des Beifußes sind bis weit in den Herbst hinein unterwegs.

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