Grüne Gentechnik Leben hält sich nicht an die Systematik der Lehrbücher

Andererseits: Bleibt nicht trotz allem der Einwand, GVO-Pflanzen seien eine Besonderheit, weil in ihnen die Artgrenze überwunden wurde? Diese Denkweise zeugt von der naiven Vorstellung, wonach in der Natur alles hübsch in seinen Schubladen zu liegen habe. Bakterien, Viren, Pilze, Pflanzen und Tiere bleiben bitte unter sich, auf dass der Mensch in Ruhe seine Trennlinien zwischen Reich, Stamm, Klasse, Ordnung, Familie, Gattung, Art und allen weiteren Untergruppen ziehen kann.

Nur hält sich das Leben nicht an Systematik. Bakterien bringen regelmäßig ihre DNA in Pflanzen ein - das ermöglichte es Forschern ja überhaupt erst, die Mikrobe Agrobacterium tumefaciens als Handlanger im Gentechniklabor zu verdingen. Und wie schnell werden aus einer Art auf einmal zwei, nur weil jemand mal genauer hingesehen und plötzlich erhebliche Unterschiede zwischen zwei Individuen entdeckt hat. Biologen kennen mehr als ein Dutzend Definitionen des Artbegriffes - klingt nicht allein das nach Beliebig- oder wenigstens Ratlosigkeit?

Zugegeben, Mausgene in Erbsenpflanzen zum Beispiel klingen unappetitlich. Solche Versuche gab es und ähnliche wird es wohl auch künftig noch geben. Doch sie machen nur einen geringen Teil der Arbeit mit GVO-Pflanzen aus. (Und, nebenbei, was ist per se schlimm an Mausgenen in der Erbse? Lässt sich das beurteilen, ohne die Pflanze selbst im Detail untersucht zu haben?)

In der Mehrzahl der Fälle stammt die DNA aus weit weniger spektakulären Quellen, von einem nah verwandten Gewächs zum Beispiel. Wobei auch hier die Genetik verzwickt sein kann: Wie nah miteinander verwandt zwei ausgetauschte Gene sind, sagt allein wenig aus über das Risikopotenzial einer GVO-Pflanze. Wer über sie diskutieren will, darf nun mal vor komplexen Zusammenhängen keine Angst haben.

Manchmal stammen die eingefügten Gene auch aus der wilden Variante einer heutigen Kulturpflanze. Dann wird die Gentechnik dazu benutzt, den modernen Gewächsen wieder mehr Ursprünglichkeit und damit Widerstandskraft zu verleihen. Bei dieser sogenannten Cisgenese ("cis" steht für diesseits; im Gegensatz zur Transgenetik, bei der artfremde Erbsubstanz übertragen wird) tauschen Forscher zwar die DNA zweier Pflanzen mit gentechnischen Methoden aus. Trotzdem enthält die Zielpflanze später oft keinen Fitzel fremdes Erbgut. Auch das ist Gentechnik.

Verkehrte Welt? Mitnichten. Hier zeigt sich lediglich jener Pragmatismus, der seit jeher die Pflanzenzucht vorangetrieben hat. Bei Bio-Kartoffeln zum Beispiel könnte die Cisgenese es ermöglichen, weniger des schädlichen Kupfers als Anti-Pilzmittel einzusetzen. Ein Problem steht dem allerdings entgegen: Auch wenn die so entstandene Nahrungspflanze kein einziges artfremdes Gen enthält, gilt sie in Europa trotzdem als gentechnisch verändert. Noch so ein Irrsinn, der sich hoffentlich schnell ändert.