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Giftcocktail für Hinrichtungen:Goldener Schuss vom Staat

Weil den US-Bundesstaaten alte Giftstoffe ausgehen, weichen sie auf neue Mixturen aus - wie Hydromorphin und Midazolam. Doch beide Stoffe wurden nicht erfunden, um zu töten. Im Gegenteil.

Fast zwei Stunden dauerte der Todeskampf von Joseph Wood, Hunderte Male schnappte der Häftling nach Luft. Für die Tortur verantwortlich: eine Injektion aus Midazolam und Hydromorphon. Beide Stoffe wurden nicht erfunden, um zu töten, im Gegenteil. Anästhesisten setzen das Beruhigungsmittel Midazolam als Hilfsmittel bei der Narkose ein, oder um Patienten vor einer OP zu beruhigen. Auch Hydromorphon soll Leiden lindern, statt Leben zu beenden. Ärzte helfen mit dem Schmerzmittel Patienten, die unter schwersten Qualen leiden. Es zählt zu den stärksten Opioiden, ist also eng mit Morphin und Heroin verwandt.

Erst eine hohe Dosis macht diese injizierte Mischung so tödlich. Dann sinkt der Blutdruck, der Puls wird schwach, der Magen verkrampft sich. Schließlich versagt die Atmung. Wer so eine Überdosis erleidet, erstickt am Ende, ähnlich wie ein Heroinabhängiger, der zu viel von der Droge gespritzt hat.

Die US-Staaten haben kaum Erfahrung mit dem Giftcocktail. Nur bei der Hinrichtung von Dennis McGuire im Januar in Oklahoma wurde die gleiche Kombination eingesetzt, mit ähnlichem Ergebnis: McGuire keuchte und schnappte panisch nach Luft. "Die Amerikaner experimentieren", urteilt Eberhard Kochs, Lehrstuhlinhaber für Anästhesiologie an der TU München. Die Folge der Versuche: Vermutlich litten beide Häftlinge während der Hinrichtung Schmerzen. "Man darf bezweifeln, ob die Kombination und die Dosis der Substanzen wirklich bewusstlos machen", sagt Kochs. Die US-Bundesstaaten sehen sich gezwungen, ihre Häftlinge zu Versuchsobjekten zu machen, da ihnen althergebrachte Gifte ausgehen. Bisher setzten sie auf einen Dreifach-Cocktail, zu dem das Betäubungsmittel Thiopental gehörte. Der einzige US-Produzent stellt es seit 2009 nicht mehr her, Exportbeschränkungen verhinderten Lieferungen aus der EU. In Ohio fehlt seit Kurzem auch der Ersatzstoff Pentobarbital; der dänische Hersteller verweigert den Nachschub.

"Die Pharmaunternehmen wollen unbedingt verhindern, dass ihre Substanzen bei Hinrichtungen eingesetzt werden", sagt David Cambell von "Reprieve". Die britische Organisation entwickelt Kontrollmechanismen, um Lieferungen in Todestrakte zu unterbinden - wenig wirkt sich schlechter auf das Image eines Medikamentenherstellers aus als ein Häftling, der mit dem Tod ringt. Angesichts der Berichte aus Arizona dürfte Cambell bald mit den Herstellern von Midazolam und Hydromorphon reden, wie ihre Arzneien in die Hand der Henker von Joseph Wood gelangen konnten.

© SZ vom 25.07.2014/mike

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