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Gewaltforschung:"Kriege zwischen Nationen gibt es fast keine mehr"

SZ: Hat denn die Zahl der Konflikte abgenommen?

Steven Pinker

Steven Pinker ist Psychologe an der Harvard University, Cambridge, USA. Seine Studien zur Evolution der Sprache und des Denkens gehören zu den wegweisenden Arbeiten auf diesen Gebieten.

(Foto: Rebecca Goldstein)

Pinker: Es gibt heute noch einen Halbmond der Kriegsgebiete, der sich von Afrika über den Nahen Osten bis nach Südostasien zieht. Aber diese Kriege haben eine andere Qualität. Warlords und Milizen richten numerisch keinen so großen Schaden an wie Armeen, die Artilleriegranaten auf die Städte des anderen schießen.

Das ist ja auch eine Erkenntnis, die sich noch nicht durchgesetzt hat - Kriege zwischen Nationen gibt es fast keine mehr. Seit dem Zweiten Weltkrieg waren die Kriege mit den wirklich großen Opferzahlen der Koreakrieg, der Vietnamkrieg und der erste Golfkrieg zwischen Irak und Iran. Doch seit dem Ende des Kalten Krieges ist selbst die Zahl der Bürgerkriege zurückgegangen.

SZ: Warum glauben wir dann, dass wir in so brutalen Zeiten leben?

Pinker: Das ist zum einen eine Frage der Wahrnehmung. Wir vergessen einfach viel. Niemand erinnert sich noch daran, wie grausam die siebziger Jahre waren. Da gab es den Völkermord in Kambodscha, den Unabhängigkeitskrieg in Bangladesch, Ägypten, Syrien und Jordanien führten Krieg gegen Israel. So schlimm es im Nahen Osten auch zugehen mag - es gibt keine Kriege zwischen Ländern mehr.

SZ: Und zum anderen?

Pinker: Ist es eine Frage der Aufmerksamkeit. Medien folgen zunächst einmal schlechten Nachrichten. Wenn jemand friedlich im Schlaf stirbt, ist das eben keine Nachricht - wenn er nicht berühmt war. Der menschliche Geist zieht statistische Schlüsse aber nicht aus Zahlen, sondern aus Dingen, die seine Aufmerksamkeit erregen, die im Gedächtnis bleiben, die man mit eigenen Augen sehen kann. Wenn man die Bilder eines Terroranschlags oder eines Amoklaufs sieht, hat man den Eindruck, wir leben in furchtbaren Zeiten. Außerdem gibt es da noch die moralisierende Komponente.

SZ: Und die wäre?

Pinker: Wenn man sich als Aktivist oder NGO für eine Sache einsetzt, wird einem immer daran gelegen sein, die Dinge so furchtbar wie möglich darzustellen, um Interesse und Gelder zu mobilisieren. Das führt allerdings zu einem Trugschluss. Wenn man immer nur das im Blick hat, was alles im Argen ist, und nicht das, was Probleme löst, wie soll man dann wissen, wo man seine Anstrengungen konzentriert? Einer der Gründe für den Rückgang der Gewalt in Afrika ist ja zum Beispiel der verstärkte Einsatz von Friedenstruppen.

SZ: Nun sind Sie weder Historiker noch Politologe ...

Pinker: Ich behaupte auch nicht, dass ich originäre Quellenforschung betrieben habe. Ich habe mich auf existierende Arbeiten von Historikern und Politologen gestützt. Aber ich bin Sozialwissenschaftler. Ich bin es gewohnt, quantitative Daten zu analysieren. Ich habe mich auch auf Arbeiten konzentriert, die mir Zahlen liefern, aus denen ich Graphen konstruieren kann.

SZ: Und so sind Sie zum Schluss gekommen, dass wir in den gewaltlosesten Zeiten der Menschheitsgeschichte leben?

Pinker: Meine Arbeit zielt nicht auf eine Pointe. Ich beschäftige mich mit verschiedenen Trends, die sich zu verschiedenen Zeiten und über verschiedene Perioden hinweg entwickeln. Über Jahrtausende, Jahrhunderte, Jahrzehnte. Die haben nicht alle die gleichen Ursachen. Man kann die Zunahme oder die Abnahme von Gewalt auch nicht auf eine einzelne menschliche Eigenschaft zurückführen. Ich habe fünf Muster gefunden: reine Gewalt, räuberische Gewalt, instrumentale Gewalt und moralistische Gewalt wie Rache, Eifersuchts- und Ehrenmorde, sowie die angedrohte Gewalt, die Abschreckung.

SZ: Haben Sie die Evolution der Gewalt untersucht?

Pinker: Mit Evolution und Genen hat Gewalt nichts zu tun. Das zeigt ja gerade die Abnahme von Gewalt. Haben sich die Engländer genetisch verändert, seit sie weniger gewalttätig sind? Nein. Deutschland ist das beste Beispiel. Dort hat sich der Wandel von einer militaristischen in eine friedliche Gesellschaft so schnell vollzogen, das kann nichts mit Genen zu tun haben. Die einzige biologische Erklärung ist eigentlich auch eine kulturelle - dass wir heute imstande sind, Emotionen, die wir sonst für nahe Verwandte aufbringen, auch auf andere übertragen können. Auf der anderen Seite ist Handel ein wichtigerer Faktor. Wir bekämpfen selten jemanden, mit dem wir handeln.

SZ: Was ziehen Sie aus Ihrer Studie für Schlüsse?

Pinker: Ich werde keine Ratschläge für politische Entscheidungen geben. Dem wäre ich nicht gewachsen. Ich hoffe höchstens, dass man den Blick auf die Dinge richtet, die funktionieren. Mit empirischem Denken wird man am ehesten Lösungen finden.