Gewaltdarstellungen Das alltägliche Gemetzel in Film und Fernsehen

Szene aus einem Klassiker des Mafia-Films: Joe Pesci ballert in "Goodfellas"

(Foto: imago/United Archives)
  • Kinder, die Waffengewalt oder Schießereien im Fernsehen oder in Filmen sehen, haben ein gesteigertes Interesse an Waffen.
  • Das ergab eine Studie aus den USA mit 104 Kindern zwischen acht und zwölf Jahren.
  • In den USA ist das Risiko für ein Kind, versehentlich erschossen zu werden, zehnmal größer als in anderen wohlhabenden Ländern.
Von Werner Bartens

Nach Gewalttaten oder Amokläufen kreist die Diskussion zuverlässig um den Einfluss von "Ballerspielen" und anderen aggressiven Computer-Darstellungen, zu denen Kinder und Jugendliche leicht Zugang finden. Weniger thematisiert wird der alltägliche Wahnsinn in Film und Fernsehen, dem Heranwachsende ausgesetzt sind. Gemetzel und Schießereien sind üblich, von manchem "Tatort" bleibt allein der blutige Kriegszug der Protagonisten in Erinnerung. Kommunikationsforscher und Psychologen aus den USA zeigen jetzt im Fachmagazin JAMA Pediatrics, wie sich Gewalt in Filmen auf das kindliche Verhalten auswirken kann.

Die Wissenschaftler Kelly Dillon und Brad Bushman spielten 104 Kindern im Alter zwischen acht und zwölf Jahren ein zwanzigminütiges Video vor. Die Kinder bekamen die Filme "Rocketeer" oder "Das Vermächtnis der Tempelritter" zu sehen. Die eine Hälfte der Teilnehmer sah den Streifen ohne Schießereien und Actionszenen, die andere Hälfte wurde bewusst den Gewaltdarstellungen ausgesetzt. Für beide Filme wird in den USA empfohlen, dass ihn Kinder unter 13 Jahren allenfalls in Begleitung ihrer Eltern sehen sollten, in Deutschland gilt die FSK-Altersfreigabe ab zwölf.

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Anschließend konnten sich die Kinder 20 Minuten zu zweit in einem Raum aufhalten, in dem sich etliche Spielsachen befanden, aber auch eine Pistole, bei der Abzug und Entsicherung zwar noch funktionierten, die aber nicht mehr scharf gestellt werden konnte. Fast alle Kinder entdeckten die Waffe zwischen den übrigen Gegenständen, und knapp die Hälfte spielte damit. Zwischen jenen Schülern, die zuvor Gewalt im Film gesehen hatten und jenen, bei denen die brutalen Szenen aus dem Streifen geschnitten wurden, gab es jedoch erhebliche Unterschiede: Die Kinder, die Action und Schießerei im Film angeschaut hatten, hielten die Pistole 53 Sekunden lang und drückten durchschnittlich dreimal ab - bei den anderen waren es nur elf Sekunden und nur wenige von ihnen betätigten den Abzug.

"Sind Kinder in Filmen oder anderen Medien Schießereien oder Waffengewalt ausgesetzt, sind sie auch im richtigen Leben neugieriger auf Pistolen und Gewehre und wollen damit spielen", schreiben die Autoren. "Dadurch steigert sich ihr Interesse." In den USA ist das Risiko für ein Kind, versehentlich erschossen zu werden, zehnmal größer als in anderen wohlhabenden Ländern. Die meisten dieser Unfälle passieren zu Hause mit nachlässig aufbewahrten Waffen. In den Haushalten in den USA, in denen sich Waffen befinden, sind 60 Prozent der Pistolen und Gewehre nicht ausreichend gesichert.

Dass Kinder nicht nur oft das Verhalten ihrer Eltern und Freunde nachahmen, sondern auch Darsteller aus Film, Fernsehen und Internet, haben Wissenschaftler schon an vielen Beispielen gezeigt. Sehen Kinder und Jugendliche Schauspieler, die rauchen, ist es ebenfalls wahrscheinlicher, dass sie selbst rauchen. Sehen sie Schauspieler Alkohol trinken, trinken sie häufiger und mehr. Sehen sie Schießereien, üben Waffen eine größere Faszination auf sie aus.

Dieser Zusammenhang ist nicht nur für die waffenbegeisterte USA von Bedeutung. Eine Analyse erfolgreicher Filme hat ergeben, dass sich die Menge der Schießereien seit 1985 mehr als verdoppelt hat. Nötig wäre das nicht. In der aktuellen Studie ergaben Befragungen der Schüler, dass sie sich genauso gut unterhalten fühlten und die Filme ähnlich spannend fanden, wenn die Gewaltszenen daraus entfernt worden waren.

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