Gentechnik:Woher kommen die Gentech-Petunien?

Auch das amerikanische Landwirtschaftsministerium war alarmiert. Die Behörde verpflichtete Züchter, verdächtige Petuniensorten auf verräterische DNA-Spuren im Erbgut zu untersuchen. Die Tests enttarnten bislang zehn Gentech-Gewächse, 21 weitere könnten gentechnisch veränderte Sorten sein. Züchter und Verkäufer in den USA haben nun mehrere Optionen: Verbrennen der Ware, vergraben, kompostieren oder auf einer Mülldeponie entsorgen.

Wie viele Blumen weltweit vernichtet werden müssen, ist schwer abzuschätzen. Einige Unternehmen haben aber sicher jahrelang unwissentlich gentechnisch veränderte Pflanzen verkauft, sagt Michael Firko vom Department für Tier- und Pflanzengesundheit des US-Landwirtschaftsministeriums.

Es wird sich wohl niemand die Mühe machen, den Fall lückenlos zu rekonstruieren

Woher die Gentech-Petunien genau kommen, wird sich womöglich nie klären lassen. Firko vermutet, dass eine gentechnisch veränderte Sorte irgendwann in ein europäisches Zuchtprogramm rutschte, während Saatgutunternehmen fusionierten und Produkte zwischen Firmen ausgetauscht wurden. Züchter kreuzen außerdem auch mal Sorten der Konkurrenz in die eigenen Zuchtlinien ein, wahrscheinlich ohne diese zuvor auf gentechnische Veränderungen zu überprüfen.

Im Petunien-Fall wird es wahrscheinlich keine Strafverfolgung geben. Das amerikanische Landwirtschaftsministerium betrachtet die Sache als unabsichtlichen Fehler, der kaum Auswirkungen auf den internationalen Handel habe. Es wird sich wohl auch niemand die Mühe machen, den Fall lückenlos zu rekonstruieren. Es ist schon schwierig, im Firmengeflecht den Überblick zu behalten: Als die Gentech-Petunie erstmals entwickelt wurde, gehörte Zaadunie noch zu Sandoz. Der Konzern fusionierte 1996 mit Novartis, und das Konglomerat vereinte seine Landwirtschaftssparten im Jahr 2000 mit der Abteilung von AstraZeneca - heraus kam dabei der Agrarkonzern Syngenta.

"Ich habe keine Ahnung, was zwischen 1987 und heute passiert ist", sagt Craig Regelbrugge, Vizepräsident der amerikanischen Handelsgruppe AmericanHort. "Irgendwann scheint jemand vergessen zu haben, dass die neue Blütenfarbe durch Gentechnik zustande kam." Er hält die Petunien für einen Einzelfall im Blumenhandel und nicht für einen Vorboten weiterer Enttarnungen unerkannter Gentech-Pflanzen. Doch da sich die Gentechnik als Zuchtmethode in der Branche zunehmend etabliere, sollten Unternehmen die Entwicklung ihrer Sorten besser überwachen.

In Zukunft wird es ohnehin immer schwieriger, gentechnisch veränderte Gewächse aufzuspüren. Neue Methoden wie die Genschere Crispr/Cas hinterlassen keine Spuren im Erbgut, anhand derer man die Veränderung erkennen könnte. Allerdings sei es "ziemlich irrational" ein Produkt allein anhand der Methode, mit der es geschaffen wurde, zu beurteilen, sagt der Entdecker der Gentech-Petunien Teemu Teeri. Er hält es für möglich, dass die Petunien das Image der Gentechnik aufbessern könnten. Bislang werden die Verfahren in Amerika wie auch in Europa sehr kritisch gesehen. Die Gentech-Petunien böten dem Verbraucher immerhin einen Mehrwert, anders als gentechnisch verändertes Getreide, von dem in erster Linie der Landwirt profitiert, weil er oft weniger Arbeit hat. "Die Petunien wurden ja gekauft, weil man sie schön fand."

Hobbygärtner müssen orangefarbene Blüten in ihrem Garten oder Balkonkasten nicht fürchten oder bekämpfen. Sollten einige Petunien der behördlich angeordneten Vernichtung in den Betrieben entgehen, haben sie nur geringe Überlebenschancen. Als einjährige Pflanzen überstehen sie den Winter nicht. Im folgenden Frühjahr werden sie wahrscheinlich bereits Geschichte sein.

Dieser Beitrag ist im Original im Wissenschaftsmagazin Science erschienen, herausgegeben von der AAAS. Deutsche Bearbeitung: hach. Weitere Informationen: www.aaas.org

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