bedeckt München 14°

Gemischte Gefühle: Mitleid:Wo das Mitleid wohnt

Seit Neuroforscher um Giacomo Rizzolatti aus Parma 1995 bei Affen Spiegelneurone entdeckt haben, scheint dem Mitgefühl ein fester Platz im Gehirn zugewiesen zu sein. Nervenzellen im Scheitellappen könnten dafür verantwortlich sein, dass Menschen Handlungen vorausahnen, bevor sie geschehen, und aus kaum merklichen Bewegungen schließen, was wohl folgen wird. Weil die Nervenzellen nicht nur während eigener Handlungen feuern, sondern auch auf das Verhalten des Gegenübers reagieren, werden sie Spiegelneurone genannt.

Das Gehirn generiert dazu eine "Als-ob-Schleife" - es ahmt Bewegungen und Muster nach und aktiviert entsprechende Nervenbahnen. Die eingehenden Informationen erhalten im Limbischen System, das als "Gefühls-Gehirn" gilt, eine Art emotionale Signatur. Die eben noch neutral wahrgenommenen Bewegungen und Verhaltensabläufe werden mit Gefühl eingefärbt.

Ob Menschen über Spiegelneurone verfügen, war lange umstritten. Dennoch ist die Forschungsrichtung inzwischen so populär, dass Spiegelneurone für vieles herhalten müssen: Wenn beim Flirt die Augen werben und sich ohne Absprache Mund zu Mund findet. Wenn man im Gespräch die Beine in dem Moment übereinander schlägt, in dem es der andere tut, wenn man in der Fußgängerzone Entgegenkommenden ausweicht, ohne sich über die Richtung verständigt zu haben, wenn der Torwart beim Elfmeter die richtige Ecke erspürt - alles könnte die Leistung dieser Neuronen sein. Dass Erwachsene selbst den Mund aufmachen, wenn sie Babys füttern, ist demnach auch den mitfühlenden Nerven zu verdanken.

Naheliegend daher, dass einige Forscher vermuten, dass bei Autisten die Spiegelneurone nicht gut funktionieren. Typisch für Autisten ist ja, dass sie Blicke und Gesten nicht richtig deuten können und beispielsweise aufgeschmissen sind, wenn nur belanglos Smalltalk geredet wird. Während dieses kognitive Einfühlungsvermögen bei Autisten kaum ausgeprägt ist, sind sie hingegen sehr wohl zu affektiver Empathie in der Lage und fühlen Schmerz und Leid mit.

Das Hanldungsziel im Spiegel

Neuronale Resonanzphänomene könnten auch erklären, warum es nicht nur möglich ist, Handlungen des Gegenübers zu erahnen, sondern auch zu verstehen, in welcher Absicht sie ausgeführt werden. So schließt jeder menschliche Beobachter aus Umfeld und Art des Zugriffs, ob eine Tasse angefasst wird, um zu trinken oder um sie wegzuräumen.

Mitgefühl und Empathie sind im Gehirn jedoch nicht nur auf Spiegelneurone begrenzt. So wird im sekundären prämotorischen Kortex - einer Hirnregion zwischen Stirn- und Scheitellappen - der Tast- und Berührungssinn aktiviert, wenn Probanden am Bein gestreichelt werden. Ein ähnliches Aktivierungsmuster ergibt sich, wenn Probanden im Film sehen, wie eine Giftspinne über das Knie eines anderen krabbelt und sie dann selbst Gänsehaut bekommen.

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite