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Gemischte Gefühle: Heimatgefühl:Dem Verstand nur schwer zugänglich

Dass die Kindheit das Heimatgefühl so sehr prägt und häufig sogar mit ihm verschmilzt, können Hirnforscher auch neurobiologisch erklären. Am stärksten brennen sich Ereignisse ins Gehirn ein, wenn sie mit starken Emotionen besetzt sind oder wenn sie häufig wiederholt werden. Auf das Erleben der Kindheit treffe oft beides zu, sagt Holger Schulze vom Leibniz-Institut für Neurobiologie in Magdeburg. Die Verknüpfungen im sich entwickelnden Gehirn werden dadurch so stark, dass verschiedene Bilder, Gerüche, Klänge oder Berührungen ein Leben lang Wohlgefühl auslösen.

Auch wenn sie eine Konstruktion aus Kindheitserinnerungen und subjektiven Deutungen ist: "Heimat ist super", sagt der Essener Sozialpsychologe Harald Welzer. Sie gebe in einer zunehmend komplizierter und unüberschaubar werdenden Welt Orientierung. Er glaube nicht an eine kosmopolitische Postmoderne, in der jeder überall und nirgendwo zu Hause sei. Dem stimmt auch Hartmut Rosa zu. Es gebe durchaus Menschen, die sich in der Lufthansa-Lounge oder dem ICE zu Hause fühlen, schreibt der Soziologieprofessor von der Universität Jena ebenfalls im Blauen Reiter. Doch die meisten Deutschen kämen dem Anspruch an Flexibilität und Mobilität nur relativ ungern nach. "Die Mehrheit ist nicht bereit, für einen Arbeitsplatz den Wohnort zu wechseln", so Rosa.

Doch bei allem Positiven, das der Mensch des beginnenden 21. Jahrhunderts der Heimat abgewinnen kann: Es bleibt auch die andere, die dunkle Seite des Heimatgefühls, das verklärt, verkitscht und von Ideologen missbraucht wurde. Es gibt kaum ein Wort, das so zwischen Intimität und Weltpolitik zerrissen wird. Während Heimat vielen Geborgenheit vermittelt, erleben andere sie als finsteres Verlies, aus dem es kein Entkommen gibt. Und wieder andere spüren Heimat vor allem dann, wenn sie fehlt, und kranken unheilbar am Verlust dieses Wohlfühl-Ortes.

Doch während sich Psychologen und Psychosomatiker mit dem Thema Heimweh intensiv auseinandergesetzt haben und zwischen Auslösern und Prävention so ziemlich alles erforscht ist, gibt es zum Thema Heimatgefühl kaum harte Wissenschaft. Einen Grund dafür glaubt Peter Blickle zu kennen. Der Historiker und langjährige Professor an der Universität Bern, der in den USA eine vielbeachtete Publikation unter dem Titel "Heimat - A Critical Theory of the German Idea of Homeland" herausbrachte, sagte einmal, dass er selbst unter Wissenschaftlern oft einen eigenartigen Widerwillen verspüren, wenn er versuche, sich dem Begriff Heimat zu nähern. "Es ist, als verstoße man gegen ein stillschweigendes Einverständnis: dass Heimat letztlich nicht mit dem Verstand zu begreifen ist, sondern sich nur dem erschließt, der sich emotional mit ihr identifiziert."

© SZ vom 30.12.2010/beu

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