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Gemischte Gefühle: Einsamkeit:Ich, allein zu Haus

Einsamkeit ist ein subjektives Gefühl: Manche Menschen suchen Einsamkeit und Isolation - andere werden davon körperlich krank. Depressionen, Selbstmord, Übelkeit, Ess- und Schlafstörungen können die Folge sein.

Stille. Nur das leise tibetische Gebet und irgendwann, Stunden später, beim Aufstehen das Knacken der Knochen, die sich wehren gegen die immer gleiche Pose: die Füße auf den Oberschenkeln gekreuzt, der Rücken gerade, die Hände auf den Knien, der Kopf gesenkt.

Einsamer Mann

Einsamkeit ist ein subjektives Gefühl - nicht jeder der allein ist, fühlt sich einsam.

(Foto: i.Stock)

Drei Jahre und drei Monate hat Jürgen Gräf den größten Teil seiner Zeit so verbracht - im Einzelzimmer eines buddhistischen Klosters in der Auvergne. Kontakt zur Außenwelt und zu seinen Eltern hielt der damals 38-Jährige nur über Briefe.

Jetzt, zwölf Jahre später, sagt der Augsburger, dass er in dieser Zeit seine Waldspaziergänge vermisst hat. Sonst nichts und niemanden. Er hat gelernt, sich mit seinen Gedanken zu beschäftigen - ohne Input von außen. Er war viel allein.

"Aber einsam war ich nie." Dabei weiß Gräf, wie sich das anfühlt, einsam zu sein: Als Jugendlicher stand er einmal inmitten seiner Klasse im Zug und fühlte sich zwischen all den vertrauten bekannten Gesichter plötzlich isoliert und erstarrt. Er hatte Kontakte, aber keine richtigen Freunde.

In der Person von Gräf verkörpert sich die ganze Ambivalenz dieser sozialen Emotion: Alleinsein kann, muss aber nichts mit Einsamkeit zu tun haben und Einsamkeit nichts mit Alleinsein. Viele Menschen fürchten die Einsamkeit, aber manche suchen sie. Sie kann krank machen, aber auch die Persönlichkeit stärken. Vor allem aber ist sie ein sehr subjektives Gefühl.

"Einsamkeit ist die wahrgenommene soziale Isolation", sagt der Psychologe John Cacioppo vom Center for Cognitive and Social Neuroscience der University of Chicago, der seit 1994 gemeinsam mit seinem Team 15.000 Personen zu dem Thema befragt hat. Einsamkeit sei ein negatives Gefühl, das weniger davon abhängt, mit wie vielen Freunden sich jemand wie oft zum Kaffee trifft.

"Auch die Finanzkrise trägt zur Einsamkeit bei"

Entscheidend sei vielmehr, ob man mit der Art und der Häufigkeit seiner Kontakte zufrieden ist. Die Messlatte legt jeder anders. Cacioppo kommt daher zu der Ansicht, dass es kaum möglich sei, allgemeine Aussagen zu treffen, wann Einsamkeit empfunden und durch was sie ausgelöst wird

Dennoch gibt es Ereignisse und Umstände, die dieses Gefühl bei den meisten Menschen befördern - sagt zumindest die Soziologin Caroline Bohn, die über Einsamkeit ihre Doktorarbeit geschrieben hat und jetzt unter anderem Menschen berät, die sich einsam fühlen.

Oft sind welche darunter, deren Partner gestorben ist, die berufsbedingt umziehen müssen oder so unregelmäßige Arbeitszeiten haben, dass keine Zeit für Freundschaften bleibt.

"Auch die Finanzkrise trägt zur Einsamkeit bei", sagt Bohn. "Weil es sich die Leute zum Beispiel nicht mehr leisten können, mit ihren Freunden ins Kino zu gehen und sich dann ausgegrenzt fühlen." Bohn vermutet auch, dass die Vereinzelung in der Gesellschaft eine Rolle spielen könnte, denn in Deutschland lebt in fast 40 Prozent aller Haushalte nur eine Person.

Doch auch unter Singles sind die Befunde gemischt. Singles seien zwar tatsächlich häufiger einsamer als Menschen, die in Beziehungen leben, bestätigt der Soziologe Stefan Hradil. Andererseits gebe es auch ausgesprochen kontaktfreudige Singles, die ein großes Netzwerk unterhalten und spezialisierte Beziehungen pflegen: Manche sind zum Reden da, andere fürs Bett.