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Frage der Woche:Zeigen Spiegel die Wirklichkeit?

Nur der Mensch und ein paar wenige Tiere können ihr Abbild im Spiegel erkennen. Doch was sehen sie beim Blick auf sich selbst?

"Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?" Schneewittchens Stiefmutter wollte es ganz genau wissen - immer wieder. Die Antwort, die sie schließlich bekam, war nicht die gewünschte: "Schneewittchen ist tausendmal schöner als Ihr."

Wenn wir in den Spiegel blicken, sehen wir nicht einfach ein Abbild unserer selbst, sondern das Bild, das wir von uns konstruieren.

(Foto: Foto: iStock)

Ihres einzigartigen Aussehens konnte sich die Stiefmutter durch den Blick in den Spiegel also nicht mehr vergewissern - aber doch immerhin ihres Selbst, das zwar durch das harte Urteil des Spiegels angekratzt, aber noch existent war. Die Stiefmutter erkannte ihr Abbild als ihr eigenes.

Ganz anders erging es in der griechischen Mythologie Narziss. Er wurde als Strafe für die Zurückweisung der Liebe der Nymphe Echo dazu verurteilt, sich in seine eigene Widerspiegelung im Wasser zu verlieben - und nahm fortan sein Abbild als eine andere Person wahr.

Überhaupt ist die Fähigkeit, sich selbst im Spiegel zu erkennen, nur wenigen Lebewesen gegeben: Einige Menschenaffen, Delphine und Elefanten sind nach bisherigen Erkenntnissen dazu in der Lage, zudem - als einziges bislang bekanntes Nicht-Säugetier - die Elster.

Die Tiere zeigen vor einem Spiegel deutliche Zeichen der Selbstwahrnehmung: Sie versuchen, ihnen heimlich beigebrachte Farbtupfer zu entfernen, oder inspizieren Körperregionen, die sie sonst nicht zu Gesicht bekämen.

Doch welche Gründe sind für die Fähigkeit zur Selbstwahrnehmung im Spiegel ausschlaggebend? Dieser Frage sind Forscher immer noch auf der Spur - es gibt Hinweise, doch keine hinreichenden Bedingungen.

Selbsterkenntnis und soziales Miteinander

Zwei Faktoren scheinen jedoch wesentlich zu sein: Das Gehirn muss einen gewissen Entwicklungsgrad aufweisen - wenn auch die Aufnahme der Elster in den Klub der Selbsterkenner im vergangenen Jahr hier wieder einige Fragen aufgeworfen hat . Und die Lebewesen müssen über ausgeprägte soziale Fähigkeiten verfügen, die erst im täglichen Miteinander erlernt werden.

"Die Entwicklung des Selbstkonzepts scheint an soziale Erfahrungen gebunden zu sein: Nur in der Gemeinschaft entwickelt sich das Selbst", schreibt der Schweizer Kinderarzt und Entwicklungspädiater Remo H. Largo in seinem Buch "Babyjahre".

So sei bei Schimpansen festgestellt worden, dass die Entwicklung der Selbstwahrnehmung ausblieb, wenn die Tiere in Isolation aufwuchsen. Die Tiere können sich dann auch nicht im Spiegel wahrnehmen. Ähnliches wird von Delphinen und Elefanten berichtet.

Und auch Menschen kommen nicht mit der Befähigung zur Welt, sich selbst im Spiegel zu erkennen - erst mit der Entwicklung der Ich-Wahrnehmung zwischen 18 und 24 Monaten setzt bei Kindern diese Fähigkeit ein.

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