Frage der Woche:Woher stammen die Drachen?

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Ganz unkritisch betrachteten die Gelehrten des Mittelalters die Darstellungen allerdings nicht. So wollte etwa der große Theologe und Philosoph des 13. Jahrhunderts Albertus Magnus nicht glauben, dass Fledermausflügel einen Drachen tragen könnten, und die feuerspuckenden Flugobjekte seines Zeitgenossen Thomas von Cantimpré hielt er schlicht und einfach für Kometen. Drachen waren für ihn einfach Vertreter einer Schlangengattung mit etlichen Arten.

Frage der Woche: Ein Drache? Oder einfach nur eine vielen Darstellungen von Chimären? Das als Drache bezeichnete Wesen auf dem babylonischen Ischtar-Tor.

Ein Drache? Oder einfach nur eine vielen Darstellungen von Chimären? Das als Drache bezeichnete Wesen auf dem babylonischen Ischtar-Tor.

(Foto: Foto: AFP)

Doch selbst der große Schweizer Zoologe Conrad Gessner stellte im 16. Jahrhundert die Drachen in seinem Buch "über die Natur der Fische und der im Wasser lebenden Tiere" noch so dar, als würden sie tatsächlich in den Formen existieren, die seine Vorgänger beschrieben hatten: als Riesenschlange mit und ohne Flügel, Hörner und mit zwei oder vier Beinen.

Dass die chinesischen Drachen den abendländischen Versionen so sehr ähneln, ist übrigens weniger ein Hinweis darauf, dass dort wie hier Menschen solche Tiere gesehen haben könnten. In China entwickelte sich der Drache als Mischwesen aus dem Krokodil und der Schlange, die für den Regenbogen stand, und stellte ein Symbol für die Fruchtbarkeit dar.

Es ist vermutlich eher so, dass das Bild der chinesischen Sagengestalt in der Antike über die Daker, Skythen, Parther und Perser zu den Römern und schließlich zu den Germanen gelangt ist und das Bild des abendländischen Drachens beeinflusst hat. Das Gleiche gilt für die Kontakte zwischen Peking und europäischen Städten seit dem 13. Jahrhundert.

Letztlich muss man feststellen, dass unter den weltweit beschriebenen Mischwesen, den sogenannten Chimären, einige den abendländischen Drachen besonders stark ähneln. Auf der anderen Seite gibt es so viele dieser Chimären, dass es eher verwunderlich wäre, wenn es keine Übereinstimmungen gäbe.

Dass das Bild der Drachen ein Hinweis auf eine Art kollektive Erinnerungen der Säugetiere an die großen Saurier sein soll, wie manche behaupten, ist wenig überzeugend. Schließlich sind diese Tiere bereits vor mehr als 60 Millionen Jahren verschwunden. Und warum sollten wir uns an Dinosaurier erinnern, die Schätze bewachen und Jungfrauen verspeisen?

Heute wird als Draco übrigens eine Gattung von Flugechsen bezeichnet, die in den Wäldern Südostasiens auf den Bäumen leben und dank Flughäuten an den verlängerten Rippen zum Gleitflug in der Lage sind. Die Tiere sind völlig harmlos.

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