Süddeutsche Zeitung

Frage der Woche:Woher stammen die Drachen?

Lesezeit: 5 min

Kein Fantasy-Film kommt ohne sie aus. Sie bewachen Schätze, verspeisen Jungfrauen und irgendwie erinnern sie uns an Dinosaurier. Woher aber kommt eigentlich unsere Vorstellung dieser Monster?

Markus C. Schulte von Drach

Noch niemand hat einen echten Drachen gesehen - doch ihre Darstellungen in Kunst und Literatur sind zahllos.

Es gibt Fafnir aus der Nibelungensage, in dessen Blut Siegfried badete, und Fuchur aus der "Unendlichen Geschichte". Es gibt das siebenköpfige Untier der Apokalypse und den Volldrachen Frau Mahlzahn in der Drachenstadt Kummerland. Es gibt Smaug im "Kleinen Hobbit", Draco aus dem Film "Dragon Heart" und die unzähligen Drachen, die von christlichen Rittern wie dem Heiligen Georg zur Strecke gebracht wurden.

Heute wissen wir natürlich, dass es keine Drachen gibt. Wie aber kommt es dann, dass sie so präsent sind und dass wir so konkrete Vorstellungen von diesen Tieren haben? Haben sie in der Vergangenheit tatsächlich existiert? Haben die Mythen und Legenden vielleicht einen realen Kern?

Immerhin existieren uralte Darstellungen von Drachen aus vielen Regionen der Welt. In China ist der Drache seit der Han-Dynastie (von 206 vor unserer Zeitrechnung an) das Symbol des Kaisers, auf dem babylonischen Ischtar-Tor aus dem 6. Jahrhundert vor Christus ist eine Art Drache dargestellt, und der Grieche Herodot berichtete im 5. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung von Skeletten geflügelter Schlangen, die er in Ägypten gesehen haben will.

Der römische Gelehrte Plinius der Ältere schließlich hielt Beschreibungen von Drachen im 1. Jahrhundert nach Christus in seiner "Naturalis Historia" fest.

Auch im Alten Testament kommen Drachen vor, in den germanischen und alpenländischen Sagen tauchen Lind- und Tatzelwürmer auf, und mittelamerikanische Kulturen beteten eine Art Drachen an, die Gefiederte Schlange.

Tatsächlich ist aber die Darstellung der Tiere, die wir heute als Drachen bezeichnen, alles andere als einheitlich. Das gilt sowohl für die Regionen, in denen sie aufgetaucht sein sollen, als auch für die Epochen, während der sie beschrieben wurden. Gerade die Darstellung der abendländischen Drachen hat eine Evolution hinter sich, die man nachvollziehen kann.

Heute denken wir zuerst an große, vierbeinige Schuppentiere die Feuer spucken, mit langem Hals und Schwanz sowie Flügeln. Diese Form hat sich jedoch über mehrere Jahrhunderte hinweg aus einem ganz anderen Tier entwickelt: aus der Schlange.

Ursprünglich bezeichnete das griechische Wort Drakon, das im Lateinischen zu Draco wurde, große Schlangen mit einem furchterregenden Blick, über die Plinius berichtete, sie würden mit Elefanten kämpfen.

Ursprung in der Antike

Riesige Schlangen aber tauchten in den antiken Mythen und Legenden immer wieder auf als Gegner der Götter und Heroen. Zeus besiegte Typhon, einen Riesen mit Hunderten Schlangenköpfen, Kadmos tötete einen Drachen, der eigentlich eine Schlange war, bevor er Theben gründen konnte.

Jason musste eine Schlange besiegen, die das Goldene Vlies bewachte, Herkules kämpfte gegen die schlangenartige Lernäische Hydra, und die Äpfel der Hesperiden wurden vom hundertköpfigen Drachen Ladon bewacht - ebenfalls eine Schlange.

Von Flügeln, Armen und Beinen also keine Spur. Außerdem stand die Schlange im Mittelmeerraum nicht nur für das Böse und das Chaos, sondern auch für Fruchtbarkeit und Erneuerung.

Die Flügel wurden den Drachen/Schlangen offenbar angedichtet, damit sie sich als Zugtiere vor dem Wagen der griechischen Fruchtbarkeitsgöttin Demeter eigneten. Die, verantwortlich für den Wechsel der Jahreszeiten, musste schließlich überall gleichzeitig sein - und das erforderte ein Tempo, welches sich nur im Fluge bewältigen ließ.

Während das Reptil also für viele Eigenschaften stand - böse wie gute -, war sein Ruf in der jüdisch und christlich geprägten Kultur ganz schlecht. Schließlich verführte Satan Eva in der Gestalt einer Schlange zur Sünde. Auch in der Apokalypse des Johannes steht der Drache, ein schlangenähnliches Wesen mit sieben Köpfen, für den Teufel.

Vor diesem Hintergrund, so vermutet etwa Theo Jülich vom Hessischen Landesmuseum Darmstadt, entwickelten die Kirchenväter aus den mythologischen Überlieferungen und den naturhistorischen Beschreibungen das Bild vom Drachen als Symbol für das Böse und Gottlose.

Doch was dort bislang beschrieben wurde, reichte ihnen nicht aus. Bald wurden die Drachen deshalb mit Gliedmaßen dargestellt, die ihnen das aktive Eingreifen in das Schicksal der Menschen ermöglichten. Es entstand der zweibeinige, geflügelte Drache.

Hauptsache furchterregend

Im religiösen Kontext entwickelte sich schließlich das Bild des furchtbaren Tieres, das jeweils mit den Eigenschaften ausgestattet wurde, die die Künstler als besonders furchterregend, unheimlich oder abstoßend betrachteten. Die Drachen traten nun auch mit vier Beinen auf. Lediglich die Reptilienschuppen und die Flügel - gern als Fledermausflügel dargestellt - blieben als Drachen-Grundsubstanz erhalten.

Für die Menschen des Mittelalters aber waren diese Fabelwesen Lebensformen, die tatsächlich irgendwo auf der Erde existieren könnten. So bedienten sich die Künstler der naturhistorischen Beschreibungen von Drachen, während die nicht religiös motivierten Darstellungen ebenfalls ausgeschmückt wurden - unter anderem auch aufgrund falscher Übersetzungen ursprünglicher Drachenbeschreibungen.

Der Naturforscher Thomas von Cantimpré (13. Jahrhundert) etwa ließ die Drachen Feuer spucken. Und bereits bekannte Fabelwesen wie Lind- und Tatzelwürmer aus den germanischen und alpenländischen Mythen wurden ebenfalls zu Drachen umdefiniert. Schließlich boten sich die Tiere als Symbole für den Teufel oder das Böse wunderbar als Gegner an, die von den Heiligen - insbesondere natürlich von bewaffneten Rittern wie dem Heiligen Georg - besiegt wurden.

Bestätigt fühlte man sich im Glauben an die Existenz der Drachen durch die Funde fossiler Knochen. So war zum Beispiel 1335 in der Nähe der Stadt Klagenfurt der Schädel eines prähistorischen Wollnashorns entdeckt worden - gerade an dem Ort, wo der Drache gehaust haben sollte, der die Bürger der Stadt hatte wehklagen lassen.

Auf Rhodos tauchten im 14. Jahrhundert ebenfalls Knochen eiszeitlicher Großsäuger auf, die man für die Überreste jenes Drachen hielt, den der Ritter Deodatus von Gozon getötet haben sollte. Und 1678 berichtete Athanasius Kircher von Drachenknochen, die in der Nähe des Schweizer Dorfes Whyler entdeckt worden waren. Dort aber hatte der Ritter Heinrich "Schrutan" von Winkelried der Legende nach einen Lindwurm erlegt.

Woher stammen die Drachen?

Ganz unkritisch betrachteten die Gelehrten des Mittelalters die Darstellungen allerdings nicht. So wollte etwa der große Theologe und Philosoph des 13. Jahrhunderts Albertus Magnus nicht glauben, dass Fledermausflügel einen Drachen tragen könnten, und die feuerspuckenden Flugobjekte seines Zeitgenossen Thomas von Cantimpré hielt er schlicht und einfach für Kometen. Drachen waren für ihn einfach Vertreter einer Schlangengattung mit etlichen Arten.

Doch selbst der große Schweizer Zoologe Conrad Gessner stellte im 16. Jahrhundert die Drachen in seinem Buch "über die Natur der Fische und der im Wasser lebenden Tiere" noch so dar, als würden sie tatsächlich in den Formen existieren, die seine Vorgänger beschrieben hatten: als Riesenschlange mit und ohne Flügel, Hörner und mit zwei oder vier Beinen.

Dass die chinesischen Drachen den abendländischen Versionen so sehr ähneln, ist übrigens weniger ein Hinweis darauf, dass dort wie hier Menschen solche Tiere gesehen haben könnten. In China entwickelte sich der Drache als Mischwesen aus dem Krokodil und der Schlange, die für den Regenbogen stand, und stellte ein Symbol für die Fruchtbarkeit dar.

Es ist vermutlich eher so, dass das Bild der chinesischen Sagengestalt in der Antike über die Daker, Skythen, Parther und Perser zu den Römern und schließlich zu den Germanen gelangt ist und das Bild des abendländischen Drachens beeinflusst hat. Das Gleiche gilt für die Kontakte zwischen Peking und europäischen Städten seit dem 13. Jahrhundert.

Letztlich muss man feststellen, dass unter den weltweit beschriebenen Mischwesen, den sogenannten Chimären, einige den abendländischen Drachen besonders stark ähneln. Auf der anderen Seite gibt es so viele dieser Chimären, dass es eher verwunderlich wäre, wenn es keine Übereinstimmungen gäbe.

Dass das Bild der Drachen ein Hinweis auf eine Art kollektive Erinnerungen der Säugetiere an die großen Saurier sein soll, wie manche behaupten, ist wenig überzeugend. Schließlich sind diese Tiere bereits vor mehr als 60 Millionen Jahren verschwunden. Und warum sollten wir uns an Dinosaurier erinnern, die Schätze bewachen und Jungfrauen verspeisen?

Heute wird als Draco übrigens eine Gattung von Flugechsen bezeichnet, die in den Wäldern Südostasiens auf den Bäumen leben und dank Flughäuten an den verlängerten Rippen zum Gleitflug in der Lage sind. Die Tiere sind völlig harmlos.

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