Frage der Woche:Machen Arztserien krank?

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Der mentale Zustand von Kliniksoap-Zuschauern wird mittlerweile fast so gründlich ausgeleuchtet wie die Körper mancher TV-Patienten. Die Ergebnisse sind nicht immer schmeichelhaft.

Berit Uhlmann

"Der Occipitallappen ist normal, aber der Visus ist gestört. Der Lobus müsste das kompensieren, aber es tut es nicht ..." Millionen Deutsche hören sich solche Sätze regelmäßig und mit Begeisterung an. Später Erfolg des Bildungsfernsehen?

Dr. House, RTL

Fernsehärtzte wie Dr. House beeinflussen das Bild vom Mediziner.

(Foto: Foto: RTL)

Mitnichten, die Eingangssätze, vor kurzem auf RTL lieblos von Dr. House heruntergeleiert, freuen den Zuschauer als weitere Zuschaustellung von dessen ungehemmter Arroganz. Ähnliche Terminologie schluckt auch der Pro-Sieben-Zuschauer gerne, wenn sie etwa aus dem Schmollmund einer Katherine Heigl aus "Grey's Anatomy" kommt. Und auch bei anderen Klinikserien wird nach Kräften gefachsimpelt. Es bleibt die Frage, was die Laien von derartigen Ausführungen überhaupt begreifen. Oder schlimmer noch, ob sie nicht vielleicht alles falsch verstehen.

So wie jene Patienten aus Hessen, die vor einem Routine-Eingriff um ihr Leben bangten, weil sie im Fernsehen schon Kranke auf dem OP-Tisch hatten sterben sehen. Sie gehören zu den 162 Patienten, die deutsche Chirurgen auf die Auswirkungen ihres Fernsehkonsums hin untersuchten.

Die Patienten hatten Operationen wegen einfacher Leistenbrüche oder Gallenblasen-Beschwerden vor sich. Die Hälfte von ihnen fürchtete sich vor dem Eingriff - und zwar umso stärker, je häufiger sie Fernsehärzte am Skalpell gesehen hatten. Auf einer Skala von 0 bis 10 verorteten die Patienten ohne Arztserien-Erfahrung ihre Angst durchschnittlich bei dem Wert 3,3. Bei den Klinik-Soap-Zuschauern kletterte die Furcht dagegen auf einen Wert von 5.

Kein Wunder, meinen die Autoren der Studie, Patienten kennen Operationssäle nur aus dem TV, da spritzt Blut und rinnt Schweiß und auch die allerseltensten Komplikationen treten in schöner Regelmäßigkeit auf.

Gesteigerte Ängste von Fernsehkonsumenten förderte auch eine belgische Studie zutage, in der 1300 Teenager befragt wurden. Das Ergebnis: Von denjenigen, die häufig Arztserien ansahen, litten zehn Prozent mehr unter Furcht vor Krankheiten als die Jugendlichen, die andere TV-Sendungen bevorzugten. Allerdings ist bei dieser Studie nicht geklärt, ob die hypochondrischen Sorgen Ergebnis oder eher Ursache des Arztserien-Konsums sind.

Dennoch lassen die unrealistischen Erwartungen der Arztserien-Fans aufhorchen. Wie weit vom Klinikalltag entfernt müssen da erst die Erwartungen an das medizinische Personal sein? Und tatsächlich fand eine Untersuchung der Fachhochschule Fulda heraus, dass Klinikserien-Fans die Zeit, die das Pflegepersonal für Gespräche aufwendete, als unzureichend empfand. Wenigseher hatten dagegen kaum etwas zu bemängeln.

Dagegen scheinen Ärzte vom Helden-Image, das die meisten TV-Serien ihnen verpassen, zu profitieren. Eine Untersuchung der Universität München zeigte, dass TV-Zuschauer Klinikärzten ein hohes Vertrauen entgegenbringen. Erleben sie die Mediziner am eigenen Körper, flaut ihre Begeisterung zwar ab, insgesamt bewerten diese Kranken die Ärzte aber noch immer positiver als Patienten, die keine Krankenhausserien anschauen.

Ähnliches haben auch die deutschen Chirurgen herausgefunden, die die Befürchtungen der hessischen Patienten erfragten. Die TV-Konsumenten standen zwar größere Ängste aus, fühlten sich andererseits aber gerade bei akuter Furcht besser versorgt als die Mitpatienten. Offenbar, so vermuten die Studienautoren, ruft die Dramatik der Serien nicht nur Sorgen hervor, sondern ihre "Traumweltfaktoren" helfen auch, Ängste besser zu verarbeiten.

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