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Energietechnik:Google investiert Millionen in die Flugwindkraft

Teuer ist für Makani nicht das Problem. Mit dem Internetriesen Google im Rücken, der Makani 2013 kaufte, ist man bestens aufgestellt. Während sich der Konzern selbst in Schweigen hüllt, schätzen Experten, dass rund 80 Mann an dem System arbeiten und die jährliche Investitionssumme bis zu 40 Millionen US-Dollar beträgt. Seit Kurzem fliegt das Team einen 28 Meter großen Flügel, der rund eine Tonne wiegt. An Bord sind acht Generatoren, die zusammen 600 Kilowatt leisten. Die Generatoren dienen nicht nur der Stromerzeugung, sondern - auf Motorbetrieb umgeschaltet - auch zum Starten und Landen.

So steigt das Gerät an Tagen, an denen in Bodennähe nur schwacher Wind weht, an der 600 Meter langen Leine in Luftschichten hinauf, wo es praktisch immer windig ist. Dort dreht es dann Kreise mit einem Radius von 145 Metern. Die Flügel erreichen dabei Geschwindigkeiten von bis zu 200 Meter pro Sekunde - 720 Kilometer pro Stunde. Das macht eine Menge Lärm, weshalb die Amerikaner ihre Kraftwerke für Offshore-Einsatz konzipieren.

Enerkite geht einen anderen Weg. "Unsere Maxime ist: In die Luft gehört nur, was unbedingt mitfliegen muss", sagt Firmengründer Alexander Bormann. Er und sein Team haben das Lkw-Kraftwerk entwickelt. Von den Millionen, die Makani im Rücken hat, kann er nur träumen, weshalb er sich auf kleinere Systeme konzentriert. Aktuell testen die Brandenburger einen 8,8-Meter großen Flügel aus Kohlenstofffasern, der den bislang eingesetzten Stoffkite ersetzt. Die starre Tragfläche fliegt deutlich schneller und erzeugt höhere Kräfte. So lässt sich der 30-Kilowatt-Generator effizienter antreiben. Gehalten wird der Flügel von drei Kunststoffseilen. In einer ausgeklügelten Choreografie werden sie auf der Generatortrommel ein- und ausgespult. Das belastet ihre Fasern enorm, schließlich werden sie rund 60-mal pro Stunde ein- und ausgewickelt. Deshalb arbeiten die Tüftler ständig am Material der Leinen. Eine Menge Entwicklungsarbeit fließt auch in die vollautomatische Steuerung. Bei Sturm, Blitz oder Eis müssen die Drachen allein sicher landen können.

Die Deutschen wollen mit ihrem Drachen bei Naturkatastrophen Notstrom erzeugen

Was die Deutschen von den Amerikanern unterscheidet, ist auch die Flugtechnik. Statt im Kreis zu fliegen und unablässig Strom zu produzieren, arbeiten sie zyklisch. Die Tragfläche fliegt auf einer achtförmigen Spirale immer höher und treibt dabei den Generator an. Nach etwa zehn Achten ist Schluss - dann muss das Seil eingeholt werden. Dazu ändert der Tragflügel den Anstellwinkel und gleitet widerstandsarm gen Boden. Während dieser Rückholphase erzeugt das Kraftwerk keinen Strom, es verbraucht welchen. Um kontinuierlich Strom zu erzeugen, könnten mehrere Drachen im Verbund arbeiten.

Die Ziele der beiden Unternehmen könnten unterschiedlicher kaum sein. Die Amerikaner denken groß, die Deutschen klein. Im Gegensatz zu Makani, das die industrielle Stromproduktion zum Ziel hat, konzentriert man sich bei Enerkite auf kleine, autarke Systeme, die in Standardcontainer passen und mobil sind. Sie könnten abgelegene Industriebetriebe versorgen oder bei Naturkatastrophen Strom bereitstellen.

Makani hingegen plant einen Riesenflieger, zehn Tonnen schwer, groß wie ein Jumbojet und mit fünf Megawatt Leistung - ein richtiges Kraftwerk eben.

© SZ vom 08.07.2015

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