bedeckt München

Energie:Iter war von Anfang an hochpolitisch

Die Schwierigkeiten sind bedrückend. Jede kleine technische Unstimmigkeit kann monatelange Verzögerungen bedeuten - wenn sie rechtzeitig entdeckt wird. Und das ganze Projekt gefährden, wenn nicht. Denn wenn Iter endlich den Betrieb aufnimmt, werden enorme Kräfte walten. Und erst recht später, wenn die Ingenieure zusätzlich zum Wasserstoff-Isotop Deuterium dessen radioaktiven Cousin Tritium als Brennstoff zuleiten, sodass die Fusion zündet und massenhaft Deuterium- und Tritium-Kerne zu Helium verschmelzen. Dafür soll das Plasma bis zu 200 Millionen Grad Celsius heiß werden. Das Zentrum der Sonne erreicht gerade mal 15 Millionen Grad. Kein bekanntes Material im Universum wäre in der Lage, solchen Temperaturen standzuhalten, darum muss das Plasma im Vakuum schweben, festgehalten von starken Magneten und einem inneren Strom. Eine solche Höllenmaschine erlaubt wenig Spielraum für Fehler.

Zudem leidet das Projekt seit dem Start in den Achtzigerjahren unter Managementproblemen, Bürokratie und Chaos. Als die USA 1999 ausstiegen, war Iter so gut wie am Ende. Erst nachdem 2001 ein abgespecktes Design beschlossen wurde, das nur noch rund fünf Milliarden US-Dollar kosten sollte, kamen die Amerikaner zurück an Bord. Dass dieser Kostenvoranschlag für ein Forschungsprojekt dieser Größenordnung absurd ist, hätte man sich denken können; schon die Kosten des neuen Berliner Flughafens werden derzeit auf 6,5 Milliarden Euro geschätzt. Ganz zu schweigen von der Internationalen Raumstation ISS, die bis heute rund 150 Milliarden Dollar gekostet hat, ohne ein einziges irdisches Problem zu lösen.

Aber auch eine realistischere Kalkulation hätte Iter mit Sicherheit gerissen. Das liegt auch daran, dass Iter von Anfang an hochpolitisch war. 1985 hatten Ronald Reagan und Michail Gorbatschow das Projekt zur friedlichen Nutzung der Kernfusion als Energiequelle angestoßen. Die Sowjetunion brach zusammen, weitere Länder traten bei, heute sind mit der EU, den USA, China, Japan, Korea, Russland und Indien sieben Partner an Bord.

"Das kann das Projekt töten"

Aber das Ausgleichsdenken des Kalten Krieges blieb. Weil als Standort schließlich Südfrankreich beschlossen wurde, bestanden die Japaner darauf, den Generaldirektor zu stellen. Von 2005 bis 2015 leiteten Kaname Ikeda und später Osamu Motojima das Iter-Unternehmen. Keiner der beiden bekam das Projekt in den Griff, und nach zehn Jahren Missmanagement lag Iter wieder am Boden - die Kosten mehr als verdreifacht, der Start weit in die Zukunft verschoben. Nach einem vernichtenden externen Überprüfungsbericht wurde 2015 der Franzose Bernard Bigot als neuer Direktor ernannt. Er sollte Iter retten. Zwei Jahre später bestätigen die meisten, dass diese Mission auf ganz gutem Wege ist.

Bigot, ein erfahrener Forschungsmanager mit einem hageren Gesicht und wachen Augen, sitzt in seinem großen Büro mit Panoramablick auf die Baustelle. Natürlich weiß er, dass um ihn ein regelrechter Mythos entstanden ist; viele halten ihn für einen Wundertäter. Man kann nicht ganz ausschließen, dass er selbst das ähnlich sieht, wenn man mit ihm spricht. Bigot gibt sich wenig Mühe, seine Verdienste kleinzureden.

ITER Organization/EJF Riche

Mehr als 2000 Arbeiter bauen derzeit den Fusionsreaktor auf einem 180 Hektar großen Gelände.

(Foto: ITER Organization/EJF Riche)

Aber sie sind tatsächlich auch beträchtlich. Schon vor seinem Antritt hatte er zur Bedingung gemacht, dass die Struktur von Iter geändert werde. Als Direktor wollte er technische Entscheidungen selbst fällen können, statt alles erst mit allen sieben Partner-Fusionsbehörden auszudiskutieren. Er hat auch das Projektmanagement professionalisiert; mittlerweile gibt es einen klaren Zeitplan. Das Startjahr 2025 sollte gehalten werden, wenn keine größeren Katastrophen mehr passieren, Wenn etwa die US-Regierung unter Donald Trump beschließen sollte, aus Iter auszusteigen: "Das kann das Projekt töten", sagt Bigot. Auf diplomatischer Ebene tut er alles, damit das nicht passiert.

Doch selbst wenn von nun an alles nach Plan läuft, ist nicht klar, ob Iter jemals Erfolg haben wird. Der Reaktor ist noch kein Prototyp für ein echtes Kraftwerk, das müsste noch einmal erheblich größer sein. Über ein entsprechendes Folgeprojekt namens Demo wird bereits geredet. Es dürfte mindestens bis 2070 dauern, bis erste kommerzielle Reaktoren den Betrieb aufnehmen könnten.

Wie aber sieht die Welt dann aus? Wenn das Zwei-Grad-Klimaziel eingehalten werden soll, müsste der Umbau des Energiesystems weg von Kohle, Gas und Öl schon lange vorher weitgehend erledigt sein. Wenn das gelingt, wäre bis dahin die Energieversorgung mit billigen Erneuerbaren und Speichern gedeckt, das Problem gelöst und die teuren und unflexiblen Reaktoren überflüssig. Andererseits könnte die Kernfusion eine der letzten Hoffnungen der Menschheit sein, wenn der Komplettumbau doch scheitert. Und sie könnte die Erneuerbaren ergänzen; etwa dort, wo der Platz knapp ist oder Wind und Sonne Mangelware. Iter ist eine Art Versicherung: im Idealfall überflüssig, im Notfall entscheidend.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema