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Das Ende der Neandertaler:Der Mensch war's

Die Neandertaler, so vermuten manche Wissenschaftler, wurden Opfer eines Klimawandels nach einem gigantischen Vulkanausbruch. Archäologische Funde zeigen jedoch, dass ihre Zahl bereits deutlich früher drastisch abgenommen hatte. Und das lag vielleicht an der Konkurrenz.

Was aber ist schon ein Vulkanausbruch gegen den modernen Menschen? Wenig, wenn man einem internationalen Forscherteam um den Geografen John Lowe von der Royal Holloway University in Surrey folgt. Die Wissenschaftler wollen neue Belege dafür gefunden haben, dass der Neandertaler der Konkurrenz des anatomisch modernen Menschen (Homo sapiens) erlag und nicht den Klimakapriolen, die dem größten Ausbruch der letzten 200.000 Jahre in Europa folgten (PNAS, online).

Neandertaler hatten seinerzeit normale Lebenserwartung

Archäologische Funde deuten darauf hin, dass die Zahl der Neandertaler drastisch abnahm, weil sich sein Konkurrent, der Homo sapiens ausbreitete.

(Foto: dpa)

Es hatte nämlich ziemlich gekracht, als vor 40.000 Jahren in der Nähe von Neapel der Monte Somma explodierte. Er pustete zwischen 250 bis 300 Kubikkilometer Asche und Schwefelgase in den Luftraum über Mittel- und Osteuropa und löste nach Ansicht von Paläoklimatologen einen vulkanischen Winter aus, der in Gemeinschaft mit anderen widrigen Klimaereignissen zu einer lang anhaltenden Kälteperiode führte.

Diese wiederum - so vermuten einige Paläoanthropologen - habe wesentlich zum Ende der Neandertaler beigetragen. Doch ist diese Ansicht in der Wissenschaft umstritten: Kulturen und auch Hominiden-Arten können relativ schnell untergehen, während geologische Ereignisse sich noch nicht einmal aufs Jahrtausend genau datieren lassen.

Die PNAS-Autoren widersprechen der Vulkan-Hypothese nun aufgrund der Analyse von Asche-Bestandteilen, die man erst seit wenigen Jahren routinemäßig untersuchen kann.

Diese Teilchen bestehen nämlich weitgehend aus Glas und haben einen Durchmesser von weniger als 0,15 Millimeter, sodass sie mit bloßem Auge nicht zu sehen sind. Sie haben aber den Vorteil, dass sie an vielen Ausgrabungsstätten nachzuweisen sind und es so erlauben, anhand der Schichtenfolge archäologische Befunde, Vulkanausbrüche und die folgenden prähistorischen Klimaperioden mit einer bislang unerreichten Präzision in eine chronologische Reihenfolge zu bringen.

Die Untersuchung von Proben aus der Ägäis, Griechenland, Libyen und vier europäischen Stätten ergab nun, dass dem Vulkanausbruch vor 40.000 Jahren tatsächlich ein abrupter Klimawandel folgte, der Jahrtausende dauerte. Allerdings belegten die archäologischen Funde, dass die Zahl der Neandertaler bereits lange Zeit vor dem Ausbruch drastisch abgenommen und sich stattdessen Homo sapiens ausgebreitet hatte.

Unklar bleibt allerdings weiterhin, aufgrund welcher Vorteile der moderne Mensch denn letztendlich seinen entwicklungsgeschichtlichen Cousin übertrumpft hat. Forscher spekulieren unter anderem über größere Gruppengrößen beim Homo sapiens, höhere Geburten- und niedrigere Sterberaten, kürzere Zeitspannen zwischen den Geburten, einen reichhaltigeren Speiseplan, komplexere soziale Netzwerke sowie bessere Kleidung und Unterkünfte.

© SZ vom 24.07.2012/mcs
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