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Anthropologie:Menschenaffe Udo ist nicht Ur-Opa

Twenty-one fossilized bones of the most complete partial skeleton of a male of the extinct ape species Danuvius guggenmosi

Knochen von Danuvius guggenmosi, der vor etwa 12 Millionen Jahren in Deutschland gelebt haben soll.

(Foto: via REUTERS)

Einzelne Knochenfunde, wie jüngst im Allgäu, reichen nicht, um die Geschichte der Menschheit neu zu schreiben. Das Getrommel des Paläo-Pop nervt.

Jetzt also Udo. Vor zehn Jahren war es Ida. Beide wurden von Paläoanthropologen als Weltsensationen gefeiert. Beide schrieben sie angeblich die Geschichte der Menschwerdung neu. Ida war ein Trockennasenaffe, der vor 47 Millionen Jahren im heutigen Hessen lebte. Udo war ein Menschenaffe, der vor 11,6 Millionen Jahren im heutigen Allgäu lebte - und das vermutlich auf zwei Beinen.

Zweifellos sind beide Funde faszinierend. Ida, weil sie eine zuvor unbekannte Seitenlinie im Stammbaum der Primaten aufgerissen hat (Darwinius). Udo, weil er der älteste bekannte Affe ist, dessen Knochenbau eine aufrechte Gangart vermuten lässt. Und Zweibeinigkeit ist bekanntlich auch eines der wesentlichen Features bei der Entstehung des Menschen.

Die Metapher vom missing link ist im Übrigen generell unsinnig

Doch weder Idas noch Udos Entdecker konnten sich verkneifen, ihrem Fund die abgelutschte Metapher vom missing link anzuheften, dem angeblich letzten fehlenden Bindeglied zwischen Affe und Mensch. Und hier wird es verwegen. Die Vorstellung, dass Udo vor zwölf Millionen Jahren im Allgäu herumrannte, seine Nachfahren sich nach Kreta aufmachten (wo man sechs Millionen Jahre alte Spuren aufrecht gehender Affen gefunden hat), um dann nach Afrika überzusiedeln und in der Olduvai-Schlucht zum Homo sapiens zu mutieren, ist schlichtweg absurd. Nein, Udo ist ein interessantes Urzeitwesen, aber er ist nicht Ur-Opa.

Die Metapher vom missing link ist im Übrigen generell unsinnig. Sie zeichnet ein falsches Bild von den komplexen Abläufen der Evolution, die kaum je linear abläuft, sondern wie ein Geflecht ineinander verwobener Fäden aussieht. In der heißen Phase der Menschwerdung verwandelten sich Millionen Quadratkilometer Regenwald Afrikas über Millionen Jahre hinweg in Savanne. Neue körperliche Merkmale wurden für die zuvor auf Bäumen lebenden Primaten nützlich.

Es kam allerorten zu massenhafter Evolution, Co-Evolution und Parallelentwicklung. Menschenaffen, Halbaffen, Australopithecinen, Hominine und Hominide lebten miteinander, nebeneinander und nacheinander. Irgendwann wurde ein leistungsfähiges Hirn zum Vorteil. Die Wesen, die davon profitierten, machten Feuer, bauten Speere, besiedelten Höhlen, bekämpften sich gegenseitig und erfanden schließlich das Smartphone.

Doch der genaue Weg dorthin, so ehrlich sollten Paläontologen sein, ist noch längst nicht geklärt. Das liegt auch an der insgesamt spärlichen Menge an Fundstücken, aus denen man das riesige Puzzle zusammensetzen könnte. Ein großer Paläontologe hat die Herausforderung seines Fachs mit einer wunderbaren Metapher beschrieben: Es sei wie der Versuch, aus einem Schuh Karls des Großen und einer Coladose den Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit zu erklären.

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