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Covid-19:Die Wucht der kleinen Zahl

Coronavirus - Intesivstation

Pflegerin in einem Krankenzimmer auf der Intensivstation des Uniklinikums Essen. Auf Deutschlands Intensivstationen rollt eine Covid-19-Welle zu, die das Frühjahr weit übertreffen könnte.

(Foto: Marcel Kusch/dpa)

Deutschland geht in den Teil-Lockdown, trotzdem werden sich die Intensivstationen weiter füllen und mehr Menschen am Coronavirus versterben. Einen Kollaps des Gesundheitssystems könnten die harten Maßnahmen aber gerade noch verhindern.

Von Christian Endt, Berit Kruse und Sören Müller-Hansen

Deutschland hat die Notbremse gezogen. Von Montag an soll das öffentliche Leben weitestgehend stillstehen, sollen private Kontakte auf ein Minimum beschränkt werden. Einen anderen Ausweg sahen die Bundesregierung und die Ministerpräsidenteninnen und -präsidenten nicht mehr, um der zuletzt unkontrolliert ansteigenden Zahl an gemeldeten Corona-Neuinfektionen Herr zu werden. Man müsse "schnellstmöglich" aus dieser Dynamik herauskommen, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am Donnerstag im Bundestag. Erklärtes Ziel ist es, die täglichen Neuinfektionen auf ein Niveau zu senken, auf dem die derzeit vielerorts heillos überforderten Gesundheitsämter wieder wie im Sommer ihren Beitrag zur Pandemiebekämpfung leisten können.

Der zeitlich begrenzte Teil-Lockdown soll die Welle brechen, bevor sie über die Köpfe hinwegrollt. Angesichts der noch wenigen Covid-Todesfälle und der in den meisten Regionen noch nicht überlasteten Intensivstationen mag diese Reaktion übertrieben erscheinen. Doch welche Wucht auch kleine Zahlen in einer Phase exponentiellen Wachstums entfalten können, offenbart der Blick ins Ausland.

In Belgiens Krankenhäusern wird das Personal knapp

In Frankreich ist die Situation schon jetzt dramatischer als im Frühjahr: Trotz der strengen Lockdown-Regelungen sind die Gesundheitsämter mit der Zahl an Neuinfektionen überlastet. Drei Viertel der Kontaktnachverfolgungen der französischen Behörden enden im Nichts, die Auswertung von Tests dauert teilweise Wochen.

In Belgien rechnet der Virologe Steven Van Gucht damit, dass bis Mitte November in neun von zehn Provinzen die Krankenhäuser vollständig überlastet sein werden. Weil es vermehrt zu Ansteckungen des Klinikpersonals kam, sind in Lüttich nach Angaben von Gewerkschaften mehr als 100 infizierte Pflegerinnen und Pfleger im Dienst und kümmern sich um ebenfalls infizierte Patienten. Ausreichend gesundes Pflegepersonal gibt es hier schon jetzt nicht mehr.

Weil auch in Tschechien Tausende Pflegerinnen und Pfleger infiziert sind, werden dort in vielen Krankenhäusern nur noch Patienten aufgenommen, die eine Intensivpflege brauchen. Das Land wirbt gleichzeitig um rückkehrwillige Mediziner: Die Entwicklung wird sich weiter verschärfen, die Positivquote der Corona-Tests liegt an einigen Tagen bei 33 Prozent.

Auch in den Niederlanden ist jedes zweite Bett auf Intensivstationen mit Corona-Patienten belegt. Einige Krankenhäuser sind so überlastet, dass erste Patienten nach Deutschland verlegt werden. Bei dem aktuellen Stand der Infektionen ist es für deutsche Krankenhäuser möglich, den Nachbarländern zu helfen - noch.

Auch Deutschland droht ein deutlicher Anstieg der Covid-Todesfälle

Denn in Deutschland zeichnet sich genau die gleiche Entwicklung ab - lediglich um wenige Wochen verschoben. Zuletzt meldete das Robert-Koch-Institut (RKI) durchschnittlich deutlich mehr als 50 mit dem Coronavirus infizierte Verstorbene pro Tag. Bezogen auf die Bevölkerungszahl ist die heutige Situation etwa mit der Lage vergleichbar, in der sich Frankreich und Tschechien vor etwa sechs und Belgien und die Niederlande vor gut vier Wochen befanden. Ohne Gegenmaßnahmen wäre also auch in Deutschland schon bald der Kontrollverlust programmiert gewesen.

Auch mit den Maßnahmen ist aber damit zu rechnen, dass die Zahl der Todesfälle weiterhin steigen wird. Schließlich vergeht zwischen einer Infektion mit dem Coronavirus und einem möglichen tödlichen Ausgang der Erkrankung geraume Zeit. Wer heute stirbt, ist bereits vor mehreren Wochen in der Statistik der Neuinfektionen erfasst worden - als diese gerade einmal 2000 tägliche Fälle umfasste. Inzwischen hat sich diese Zahl versiebenfacht. Sollten die Todesfälle weiter in der Geschwindigkeit zunehmen wie bislang und sich etwa alle elfeinhalb Tage verdoppeln (was eine optimistische Annahme ist), so ist damit zu rechnen, dass die Zahl der täglichen Todesfälle bis Ende November auf ein ähnliches Niveau steigen wird wie im Frühjahr. Damals verstarben täglich mehr als 200 Covid-Patienten. Erst von diesem Zeitpunkt an dürfte sich die Wirkung des Teil-Lockdowns auch in den Todesfällen abzeichnen, eine deutlich dramatischere Entwicklung könnte so verhindert werden.

Sollten die Gesundheitsämter aber zunehmend Schwierigkeiten bekommen, die Ausbreitung einzudämmen, und sollten sich zudem vermehrt vulnerable Bevölkerungsgruppen infizieren, könnte die Zahl der Todesfälle noch stärker ansteigen. Die Neuinfektionen wachsen bereits in einem schnelleren Tempo an, etwa alle neun Tage kommt es zu einer Verdoppelung.

Viola Priesemann warnt vor diesem Kipppunkt, an dem das Testen und die Kontaktverfolgung der Gesundheitsämter nicht mehr funktioniert. Die Physikerin forscht am Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation und errechnet mit ihrem Team Modelle zum Verlauf der Pandemie. Priesemanns Modelle zeigen: Überschreitet die Zahl der Neuinfektionen die Leistungsgrenzen der Gesundheitsämter, beschleunigt sich die Pandemie von ganz alleine. Dann muss mit radikaleren Maßnahmen und massiver Kontaktreduktion reagiert werden - oder die Neuinfektionen steigen rasant. Das lässt sich in zahlreichen Regionen bereits beobachten. Dies ist ein klares Zeichen dafür, dass die Gesundheitsämter vielerorts bereits die Kontrolle verloren haben. "Wenn die Infektionsketten nicht mehr nachvollziehbar sind, bekommen wir viele Fälle, die nicht wissen, dass sie infiziert sind - und die das Virus unwissentlich zu den Älteren und Risikopatienten tragen", sagt Priesemann.

Tatsächlich lässt sich dieser Anstieg der Inzidenz in den oberen Altersgruppen seit einigen Wochen beobachten. Diese Entwicklung lässt einen fortgesetzten, deutlichen Anstieg der Todeszahlen in den nächsten Wochen erwarten. Eine Faustformel besagt: Alle 20 Lebensjahre verzehnfacht sich das Risiko, an einer Covid-19-Erkrankung zu sterben. Im Alter von 82 Jahren versterben etwa zehn Prozent aller Infizierten.

Ein Kipppunkt ist bereits Anfang Oktober zu erkennen

Dass bereits Anfang Oktober ein erster solcher Kipppunkt überschritten wurde, lässt sich gut an der Entwicklung der Neuinfektionen ablesen. Im September stiegen die Fallzahlen innerhalb einer Woche meist um weniger als 20 Prozent, inzwischen sind es deutlich mehr als 70 Prozent.

Anfang Oktober kamen zwei Entwicklungen zusammen. Einerseits stieg die Zahl der Corona-Hotspots, in etlichen Landkreisen waren die Gesundheitsämter mit der Kontaktnachverfolgung überfordert. Hinzu kam ein Kälteeinbruch Ende September, der unter Berücksichtigung des Zeitverzugs zwischen Ansteckung und Meldung an das Robert-Koch-Institut genau mit dem beschleunigten Infektionsgeschehen übereinstimmt. Die kühleren Temperaturen dürften dazu geführt haben, dass sich die Menschen nach drinnen verzogen haben. Dort ist die Ansteckungsgefahr so viel höher als draußen, dass die Zahl der Kontakte sich gar nicht verändert haben muss, um den plötzlichen Anstieg zu erklären.

In einigen Regionen könnten die Intensivstationen bald voll sein

Die schnell gestiegenen Neuinfektionen werden sich auch auf die Auslastung der Intensivstationen auswirken. Noch ist die Lage dort nicht so kritisch, wie es in vielen anderen Ländern der Fall ist: Die Behandlungskapazität wird tagesaktuell überwacht, laut dem Divi-Intensivregister sind noch mehr als 7500 Betten frei.

Zum jetzigen Zeitpunkt ist das zentrale Problem der Intensivstationen aber nicht mehr die Ausstattung mit Betten oder Beatmungsgeräten - sondern die Verfügbarkeit von Pflegepersonal. Der Intensivmediziner Stefan Kluge vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf warnt davor, dass schon vor Beginn der Pandemie für bis zu 30 Prozent der Intensivbetten das Fachpersonal fehlte. Laut Divi gehen in das Intensivregister zwar nur "betriebsbereite Betten" ein - also solche, die "mit Ärzten, Pflegekräften, Schutzkleidung und Medikamenten zur Verfügung stehen". Ob ein Bett als "bepflegbar" gemeldet wird oder nicht, liegt aber in der Definition der diensthabenden Oberärzte - und damit bei den einzelnen Krankenhäusern.

Im Winter gibt es schon bedingt durch die Grippewelle jedes Jahr Personalengpässe in deutschen Krankenhäusern. Corona-Patienten sind aber nicht nur durch die speziellen Hygienemaßnahmen betreuungsintensiv, sondern brauchen auch besonders qualifiziertes Pflegepersonal. Zwar wurde Personal von anderen Stationen seit dem Frühjahr im Umgang mit Beatmungsgeräten nachgeschult, diese Pflegekräfte können aber trotzdem nur 30 bis 40 Prozent der Aufgaben in der Intensivbetreuung übernehmen. "Der Rest der Tätigkeiten ist zu spezialisiert", sagt Matthias Kochanek vom Universitätsklinikum Köln.

Die Situation in den Krankenhäusern bleibt somit nur kontrollierbar, wenn die Neuinfektionen nicht weiter exponentiell wachsen. Wie kritisch ein fortgesetztes Wachstum von Neuinfektionen für die Krankenhäuser wäre, zeigt sich vor allem auf lokaler Ebene. Die verfügbaren Intensivbetten könnten in wenigen Wochen belegt sein - in Berlin und Frankfurt wäre das schon in zehn Tagen der Fall.

Der Lockdown kommt gerade noch rechtzeitig

In einigen Regionen Deutschlands ist es also bereits höchste Zeit, umzusteuern und die Ausbreitung des Virus zu stoppen. Anderswo wäre noch etwas Zeit, bis die Krankenhäuser an ihre Grenzen kommen. "Doch je früher die Einschränkungen kommen, desto kürzer sind sie notwendig", sagt Viola Priesemann. Darauf haben diese Woche auch die großen Forschungsgemeinschaften in einer gemeinsamen Stellungnahme hingewiesen.

Denn das Ziel der harten Kontakteinschränkungen ist es, das Wachstum der Neuinfektionen zu stoppen und umzudrehen, also zu einem Rückgang der täglichen Ansteckungen zu kommen. Die Auflagen müssen so lange in Kraft bleiben, bis die Zahlen wieder unter die Belastungsgrenze der Gesundheitsämter gefallen sind. Sonst würde sich der Trend nach einer Lockerung sofort wieder umdrehen, und der nächste Lockdown stünde kurz bevor. Je länger man die Infektionskurve also nach oben steigen lässt, desto länger ist auch der Weg nach unten, der während des Lockdowns zurückgelegt werden muss. Und je umfassender die Einschränkungen sind, desto schneller dürften die Zahlen sinken.

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